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Der Nachbar

Titel: Der Nachbar
Autoren: Minette Walters
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anderen direkt vor die Nase. »Aber wenn sich hier in der Gegend ein Perverser rumtreibt, will ich wissen, wo genau. Also, wo wohnt er? Wie heißt er?«
    »Das darf ich Ihnen nicht sagen.«
    Melanie ballte die Hände zu Fäusten. »Soll ich Sie zwingen?«
    Schlotternd vor Angst wich Fay Baldwin zur Tür zurück. »Es ist ein polnischer Name«, sagte sie feige, bevor sie floh.
    Zitternd stürzte sie zur Humbert Street hinaus. Wie hatte sie so dumm sein können? Würde Melanie sie verraten? Würde es zu einer amtlichen Untersuchung kommen? Hatte sie womöglich ihre Pension aufs Spiel gesetzt? Krampfhaft suchte sie nach Entschuldigungen. Ihr konnte man doch wirklich keine Schuld geben. Es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, einen Pädophilen in der Siedlung einzuquartieren. So etwas ließ sich auf die Dauer nicht geheim halten. Für die Männer hier war der Knast die zweite Heimat. Einer von ihnen hatte bestimmt im selben Gefängnis gesessen wie der Kerl und würde ihn garantiert wiedererkennen. Ihre Angst legte sich allmählich. Wenn jemand fragte, würde sie einfach sagen, sie habe die Leute darüber tratschen hören. Wer konnte sagen, wo hier, in diesem Viertel, der Klatsch begann? Die absurdesten Gerüchte verbreiteten sich wie Lauffeuer. Sie hatte Melanie ja keinen Namen genannt...
    Mit frisch gestärktem Optimismus machte sie sich auf den Weg und riskierte einen kurzen Seitenblick, als sie an Haus Nummer 23 vorüberkam. Ein alter Mann stand am Fenster. Bei ihrem Blick zuckte er zurück, als hätte er Angst bemerkt zu werden, und sie fühlte sich wieder ganz bestätigt. Er sah ungesund aus, bleich und käsig – wie eine Made –, und der instinktive Abscheu, der sie bei seinem Anblick schüttelte, erstickte jeden Gedanken daran, ihn oder die Polizei zu warnen, dass sein Leben in Gefahr sein könnte.
    Ohnehin hasste sie Pädophile aus tiefstem Herzen. Allzu oft nur hatte sie sehen müssen, welche körperlichen und seelischen Verletzungen sie den Kindern zugefügt hatten, von denen sie sich Daddy nennen ließen.
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Bericht vom März 2001
    Tod der Unschuld
    Am Ende eines der grausigsten Mordprozesse der letzten zehn Jahre wurden Marie-Thérèse Kouao, 44, und ihr Geliebter, Carl Manning, 28, zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem als erwiesen angesehen worden war, dass sie Kouaos Großnichte, die achtjährige Anna Climbie, brutal gefoltert und ermordet hatten. Anna, die an der Elfenbeinküste geboren und aufgewachsen war, wurde von liebevollen Eltern in die Obhut ihrer Großtante gegeben, die sich ihren afrikanischen Verwandten gegenüber als »wohlhabende und erfolgreiche Frau« ausgab und versprach, dem Kind in England ein besseres Leben zu bieten. In Wahrheit war sie eine Schmarotzerin und Betrügerin, die eine ‘Tochter’ brauchte, um bei der Sozialhilfe abkassieren zu können.
    Die kleine Anna starb an Unterkühlung und Hunger, nachdem die grausamen Übeltäter sie gezwungen hatten, nackt, an Händen und Füßen gefesselt und nur mit einem Müllsack zugedeckt, in einem Badezimmer dahinzuvegetieren. Sie lag an der Kette wie ein Hund und wurde mit Abfällen gefüttert, die sie vom Fußboden essen musste. Ihr Körper war bedeckt von unzähligen Verletzungen durch Schläge; doch Kouao, die sich als ihre Mutter ausgab, gelang es, Ärzten und Sozialarbeitern weiszumachen, das Kind selbst habe sich diese beigebracht. Und mit der Behauptung, das Kind wäre von bösen Geistern besessen, brachte sie sogar Geistliche dazu, das gemarterte und traumatisierte kleine Mädchen Exorzismusritualen zu unterziehen.
    Im Lauf des Prozesses, beklagte sich Kouao, die ständig eine Bibel bei sich trug, um die Geschworenen von ihrer Frömmigkeit zu überzeugen, dass sie im Holloway Gefängnis, wo sie in Untersuchungshaft saß, von den anderen Häftlingen schikaniert werde – ausgerechnet diese brutale Mörderin entdeckte plötzlich ihr Zartgefühl! »Sie schlagen mich und machen mir meine Sachen kaputt«, erklärte sie weinend. »Das ist nicht auszuhalten.« Worauf der Ankläger empört fragte: »Was meinen Sie, wie Anna ausgehalten hat, was Sie ihr angetan haben?«
    Man ist versucht, Kouao als schlimme Ausnahme abzutun, aber die Zahlen der Kindsmordstatistiken in Großbritannien sprechen eine erschreckende Sprache. Im Durchschnitt sterben jede Woche zwei Kinder von der Hand ihrer Eltern oder Betreuer, Tausende mehr werden so grausam misshandelt und vernachlässigt, dass ihre

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