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Der Nachbar

Titel: Der Nachbar
Autoren: Minette Walters
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wo kaum jemand eine abgeschlossene Schulbildung hatte, Drogen allgemein verbreitet waren und Prügeleien an der Tagesordnung.
    Fay Baldwin, die unablässig daran denken musste, wie Sophie Morrison sie am vergangenen Abend abgefertigt hatte, riss die vierjährige Rosie Patterson heftig am Arm, um zu verhindern, dass das Kind seine Rotznase und schmutzigen Hände an ihrem frisch gereinigten Kostüm abwischte. Sie hatte die Kleine auf der Straße aufgelesen, wo sie mit ihrem Bruder spielte, und konnte es sich nicht verkneifen, ihrer kaum der Pubertät entwachsenen und schon wieder schwangeren Mutter einen Besuch zu machen, um ihr gründlich die Leviten zu lesen, zumal Melanie noch nicht wissen konnte, dass Fay eigentlich schon jetzt nicht mehr für sie zuständig war.
    Sie fühlte sich völlig gerechtfertigt in ihrem Vorhaben, als sie die junge Frau zu Hause auf dem Sofa vor dem Fernseher vorfand, eine Zigarette in der einen Hand, eine Dose Bier in der anderen. Na bitte, das war doch der beste Beweis dafür, dass sie mit allem Recht hatte, was sie über Melanies Untauglichkeit als Mutter gesagt hatte. Nicht ganz so einfach war es, damit zu Rande zu kommen, wie Melanie Patterson aussah – knappes Top und noch knappere Shorts, die lange braune Beine und einen von der Schwangerschaft sanft gerundeten Bauch enthüllten.
    Neid und Eifersucht fraßen an Fay, die sich vormachte, sie wäre schockiert über die Schamlosigkeit, mit der diese Person ihren Körper zur Schau stellte. »So geht das nicht, Melanie«, wies sie die junge Frau scharf zurecht. »Rosie und Ben sind noch zu klein, um allein auf der Straße zu spielen. Das ist unverantwortlich.«
    Melanie konzentrierte sich weiter auf die Geschehnisse in der Seifenoper, die gerade im Fernsehen lief. »Ach, Rosie weiß schon, wo's langgeht, stimmt's, Süße? Komm, sag's Miss Baldwin.«
    »Nich da spielen, wo Autos fahren. Nich mit Nadeln spielen«, leierte Rosie herunter und gab dabei ihrem zweijährigen Bruder einen völlig unnötigen Klaps auf den Kopf, als wollte sie demonstrieren, wie sie ihn zur Räson zu bringen pflegte.
    »Na, hab ich's Ihnen nicht gesagt?« sagte Melanie stolz. »Sie ist ein gescheites kleines Mädchen.«
    Fay hätte das dummdreiste Geschöpf am liebsten geohrfeigt. Seit sie vor dreißig Jahren diesen Bezirk, der die reine Hölle war, übernommen hatte, rackerte sie sich ab und versuchte, einer Generation nach der anderen gesunde Lebensführung, Hygiene und Schwangerschaftsverhütung nahe zu bringen, aber es war nur immer schlimmer geworden. Diese Göre hier hatte ihr erstes Kind mit vierzehn bekommen, ihr zweites mit sechzehn, und nun war sie, noch keine zwanzig, das dritte Mal schwanger. Sie hatte höchstens eine blasse Ahnung, wer die Väter waren, und es interessierte sie auch gar nicht. Regelmäßig setzte sie ihre Kinder bei ihrer Mutter ab, deren jüngstes Kind jünger war als Rosie, und verschwand tagelang, um »mal wieder 'nen klaren Kopf zu kriegen«.
    Sie war faul und hatte nichts gelernt, und man hatte sie in diesem kleinen, in zwei nebeneinander liegende Wohnungen aufgeteilten Haus einquartiert, weil man beim Sozialdienst glaubte, sie würde fern dem »wenig hilfreichen« Einfluss ihrer Mutter mehr elterliche Verantwortung entwickeln. Vergebliche Hoffnung. Sie lebte in Schmutz und Chaos, war regelmäßig bekifft oder betrunken und behandelte ihre Kinder, wie sie gerade Lust und Laune hatte, indem sie sie entweder mit Liebe überschüttete oder gänzlich ignorierte. Es wurde getuschelt, wenn sie verschwinde, um »mal wieder 'nen klaren Kopf zu kriegen«, gehe sie in Wirklichkeit einer, immer wieder von Schwangerschaften unterbrochenen, Karriere als Model nach, wolle das nur nicht zugeben, weil sie nicht auf die Stütze verzichten mochte.
    »Man wird sie Ihnen wegnehmen, wenn Sie sie weiterhin so vernachlässigen«, warnte Fay.
    »Na klar, ich weiß schon.« Melanie warf Fay einen wissenden Blick zu. »Ihnen käm das gerade recht, was, Miss Baldwin? Sie würden mir die Kinder doch im Handumdrehen wegnehmen, wenn Sie auch nur die kleinste Schramme an ihnen entdecken könnten! Wahrscheinlich sind Sie jeden Tag stocksauer, dass Sie noch nie was gefunden haben.«
    Gereizt kniete Fay Baldwin vor dem kleinen Mädchen nieder. »Weißt du auch, warum du nicht in der Nähe von Autos spielen sollst, Rosie?«
    »Weil Mama uns dann haut.«
    Melanie strahlte sie an und zog an ihrer Zigarette. »Ich hab dich noch nie gehauen, Schatz«, sagte sie

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