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Der Marathon-Killer: Thriller

Titel: Der Marathon-Killer: Thriller
Autoren: Jon Stock , Andreas Helweg
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1

    Es war ein klarer Morgen in Blackheath und sehr heiß, viel zu heiß für zweiundvierzig Kilometer. Daniel Marchant ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen und fragte sich zum wiederholten Mal, warum er sich diesen Marathonlauf antun wollte. Tausende dehnten sich in der frühen Morgensonne, lockerten die Muskeln oder nippten an ihren Wasserflaschen. Es war wie die Stille vor einer Schlacht. Eine Frau mit Baseballkappe schnallte sich einen iPod an den Arm; der Mann neben Marchant schnürte immer wieder aufs Neue seine Schuhe. Ein anderer Läufer kippte sich Wasser übers Haar und schüttelte sich wie ein Hund. Die Tröpfchen glitzerten im Licht. Jedem das seine, dachte Marchant. In seinem Fall bestand das aus zu viel Scotch am Vorabend und viel zu wenig Training.
    »Ein letzter Versuch«, sagte er und wandte sich an Leila. Sie saß auf dem Rasen, die Hände hinter dem Rücken aufgestützt, und starrte geradeaus. Er fragte sich, warum sie die Sache so ernst nahm, während er zu der langen Schlange vor den Toilettenhäuschen ging und sich anstellte. Wenn es hart auf hart käme, konnten sie die Strecke einfach gehen und einen Tag an der frischen Luft genießen. Aber dazu würde es sicher nicht kommen: Eher
würden sie über die Ziellinie kriechen, als sie gehend zu überqueren. Diese Sturheit hatten sie gemeinsam, eine verfluchte Trotzigkeit, deren er manchmal überdrüssig war.
    Die Schlange bewegte sich im Schneckentempo voran. Der süße Duft von Voltaren hing in der Frühlingsluft und erinnerte Marchant an Schulumkleideräume, dieselbe Verheißung von Schmerz. So fühlte er sich jedes Mal, wenn sie im Battersea Park zum Laufen gingen, und sein Unwille ließ erst nach, wenn die Endorphine ausgeschüttet wurden. Oder wenn er ihren rhythmischen Atem und ihre leichten Schritte hörte. Wieder fragte er sich, warum er die zweiundvierzig Kilometer laufen würde, noch dazu so kurzfristig. Den längsten Trainingslauf hatten sie am letzten Wochenende absolviert, dreißig Kilometer über den Treidelpfad nach Greenwich und zurück. Aber wie hätte er Nein sagen können, wenn er doch kaum begriffen hatte, worum es bei ihrer Frage eigentlich ging? Das war schließlich ihr Job: Leute zu überreden, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten, Worte von sich zu geben, die besser ungesagt blieben.
    Nach fünf Minuten in der Schlange änderte Marchant seine Meinung und kehrte zu Leila zurück, die sich bis auf ihre Laufkleidung ausgezogen hatte. An dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte er sich geschworen, sich nicht in sie zu verlieben, sie hatte es ihm nie leicht gemacht, diesen Schwur zu halten. Heute war da keine Ausnahme. Sie hatte lange Beine und erreichte doch mit Leichtigkeit ihre Zehen, wobei sich die Shorts über den wohlgeformten Muskeln spannten. Er wandte den Blick ab und sah zu den Heißluftballons hinauf, die
hinter ihr am strahlend blauen Himmel schwebten. Wie ein Militärkonvoi parkten vor ihnen mehrere Lastwagen, auf deren Ladeflächen die Plastikbeutel der Läufer gestapelt waren und darauf warteten, quer durch London zum Zieleinlauf transportiert zu werden.
    Marchant nahm ihre beiden Beutel und reichte sie einem der Helfer. Er stellte sich vor, wie er sie wieder in Empfang nehmen würde, drei oder wahrscheinlich eher vier Stunden später. Trotz seiner Proteste wusste er, es war richtig. Das Training, wie unzureichend auch immer, hatte ihn während der letzten Wochen fit gehalten und ihm geholfen, sich auf das zu konzentrieren, was zu tun war.
    »Zu viele Menschen«, sagte Leila und strich sich das Haar aus den Augen, als Marchant wieder bei ihr eintraf. Sie hielt ihr Mobiltelefon in der Hand. Er folgte ihrem Blick zum Start, wo sich inzwischen eine Armee von fünfunddreißigtausend Läufern drängte. Später, so dachte er zynisch, würde man die Toten und Verwundeten in St. James aufbahren, eingehüllt in glänzende Folie.
    »Wird bestimmt ein netter Spaziergang im Park«, sagte Marchant. »Wie du es mir versprochen hast.« Er legte eine Hand auf ihre Schulter, während er die linke Wade dehnte, und forschte in ihren großen Augen. Dieser Hauch von Exotik an ihr hatte ihn angezogen, das dunkle glänzende Haar, die olivenfarbene Haut. »Du bist doch nicht nervös, oder?«, fragte er und bemühte sich, optimistisch zu klingen. Plötzlich wirkte sie abgelenkt, und er spürte eine unbehagliche Distanz. Sonst war sie immer offen und direkt.
    »Nicht wegen des Laufs«, antwortete

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