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Der Clan der Wölfe 2: Schattenkrieger (German Edition)

Der Clan der Wölfe 2: Schattenkrieger (German Edition)

Titel: Der Clan der Wölfe 2: Schattenkrieger (German Edition)
Autoren: Kathryn Lasky
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Es war der Grasgeruch – der Geruch nach Spätsommergras, Nelkenwurz und Gelbem Enzian, gemischt mit einem leichten Aschehauch. Wie ein Fluss durchströmte Faolan der würzige Duft und weckte verlorene Erinnerungen in ihm. Das ist mein Rudel, das Rudel vom Osthang. Mein Clan, der Clan der MacDuncan. Jeder einzelne dieser Gerüche bestätigte ihm, dass er endlich zu Hause war.
    Der Geruch eines Wolfsrudels veränderte sich geringfügig, je nach Jahreszeit oder der Nahrung, die die Wölfe zu sich nahmen. Hinter diesen leichten Abweichungen verbarg sich jedoch ein ganz elementarer Geruch, der das innerste Wesen der Wölfe verkörperte. Im Schlaf war Faolan eingehüllt in diese vertrauten, lang ersehnten Gerüche wie in einen schützenden Kokon. Durch den Geruch war er fest mit seinem Clan verbunden.
    Dabei schlief Faolan gar nicht in einem Rudelbau, im warmen, feuchten Atemdunst seiner Wolfsbrüder. Nein, Faolan schlief allein. Als Knochennager lebte er am Rand des Rudels und musste sich seinen Unterschlupf selbst suchen. Die restliche Meute hauste in zwei geräumigen Höhlen, die sie im letzten Sommer am Krummrücken gegraben hatten. Die Höhlen waren weit entfernt, aber ihr Geruch hing noch in der Luft.
    Faolan zitterte. Winzige Risse durchzogen seinen Schlaf und namenlose Schrecken schlichen sich ein, finsterer als die mondlose Nacht. Plötzlich stand die Schwärze in Flammen. Aufwachen! Aufwachen! , schrie er in seinem Traum. Aber es war kein Traum, sondern eine Erinnerung. Bis in den Schlaf hinein verfolgte Faolan das Grauen, das ihn erfasst hatte, als er von einem halben Dutzend Wölfen aus mehreren Clans gejagt worden war. Verfolgt von seinen eigenen Wolfsbrüdern, die ihn wegen seiner gespreizten Pfote ins Feuer hatten treiben wollen. Noch jetzt spürte er die Hitze der Flammen, die unter ihm gelodert hatten, als er in hohem Bogen über die Feuerwand gesprungen war. In seiner Panik schlug er mit der Pfote auf den Boden der Höhle, die er sich als Nachtlager gegraben hatte. Ein kleiner Erdschauer rieselte vom Dach und weckte ihn endlich auf.
    Faolan richtete sich auf, soweit das enge Erdloch es zuließ. Nur in der tiefsten Finsternis, in den Nächten, in denen der Mond verschwand, nahm dieser Albtraum Gestalt an. Zu diesen Zeiten heulten selten Wölfe und es kam ihm so vor, als klafften Löcher in der Stille, durch die die Angst hereinschlüpfen konnte.
    Vorsichtig hob er den Kopf und schnüffelte. Keine Spur von Rauch oder Feuer. Nur ein schwacher Hauch des vertrauten Rudelgeruchs wehte ihn im Dunkeln an. Meine Nase sagt mir, dass ich zu Hause bin. Ich gehöre hierher, dies ist meine Familie, mein Clan. Und doch … Tief in Faolans Innerem lauerte ein Schmerz, gegen den kein Geruch der Welt ankam.

Zu einer bestimmten Zeit im Frühherbst zerschnitt der Mond die Nacht wie die schmale Sichel eines Rentiergeweihs. In dieser Zeit zogen die Herden langsam in Richtung Süden, zuerst die Kühe mit ihren Kälbern, dann die Bullen. Die Wölfe setzten sich auf ihre Fährten und folgten dieser Vorhut der großen Wanderung, um alte Kühe oder schwache Kälber zu reißen. Gesunde Kälber durften nicht getötet werden, das verboten die Jagdregeln. Außerdem begann die wahre Jagdzeit erst mit der Ankunft der Bullen.
    Als an diesem Morgen die Sonne am Horizont hervorbrach, erfüllte ein Heulen die Luft. Es war die Stimme von Greer, der Skrielin des MacDuncan-Flussrudels, die die Wölfe zur Jagd rief. Aber nicht zur Rentierjagd. In der Nähe des Flusses war gerade die Fährte eines Elchbullen aufgespürt worden. Das Rudel hatte sofort Kundschafter ausgesandt, die seine Fährte aufnehmen sollten. In ihrer Abwesenheit bildete sich ein Byrrgis , die Jagdformation der Wölfe.
    Elchbullen waren oft unberechenbar und trotz ihrer Masse erstaunlich wendig. Um eine solche Beute zur Strecke zu bringen, musste ein großer Byrrgis auf die Beine gestellt werden. Die Jagd war gefährlich, besonders jetzt, in der Paarungszeit der Elche. Selbst Faolans zweite Milchmutter, die Grizzlybärin Donnerherz, hatte in der Zeit des Rentiermondes einen großen Bogen um Elche gemacht. Faolan versuchte seine Aufregung zu bezähmen, als die Rudel sich versammelten und auf die Rückkehr der Kundschafter warteten. Der Lärm des Begrüßungspalavers, das sogenannte Gaddergladder , das einer Jagd auf Großwild wie diesen Elchbullen vorausging, drang an sein Ohr. Faolan spürte, wie das Blut schneller durch seine Adern rauschte, und scharrte mit den

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