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Das lange Lied eines Lebens

Das lange Lied eines Lebens

Titel: Das lange Lied eines Lebens
Autoren: Andrea Levy
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protestierte: »Massa, ’n Kind kommt, ’n Kind kommt!«
    Kitty würgte an dem unförmigen Tuch, biss dann hart zu, um mit den Zähnen die Finger des Aufsehers zu fassen zu bekommen.

    »Verflucht!«, schrie er. Mit einem Ruck löste er seine Finger aus ihrem Biss, dann holte er mit der Hand aus, um Kitty ins Gesicht zu schlagen.
    Rose beeilte sich, um zwischen Kitty und den weißen Mann zu treten, und sagte: »’n Kind kommt, Massa, ’n Kind kommt, Massa … «, denn sie konnte sehen, dass der Mann ein zweites Mal auf Kitty einschlagen wollte. »Mitleid, Massa, Mitleid, nicht peitschen, sie kriegt ’n Kind, Massa«, flehte Rose.
    Tam Dewar schleuderte die winzige Gestalt zur Seite und war drauf und dran, Kitty noch einmal zu schlagen, denn ihre Unverschämtheit pochte noch in seinen Fingerspitzen. Und Kitty, die sich vor dem drohenden Schlag wegkauerte, schlang einen Arm um ihren riesigen Bauch und streckte dem Mann die gespreizte Hand entgegen, um ihn sich vom Leib zu halten. In diesem Moment war Tam Dewar beschwichtigt. Er starrte sie kurz an, dann ließ er die erhobene Hand sinken. Er kniete neben Kitty nieder, hob die Hände und machte »Pscht, pscht!«, um sie zu besänftigen, während er leise mit ihr sprach. »Meine Schwester hat mir Erdbeermarmelade aus Schottland geschickt. Die schmeckt sehr gut. Köstlich. Ich hatte eben davon gegessen, aber der Lärm, den du veranstaltet hast … Ich kann diesen Lärm nicht ertragen. Sieh mal, ich habe Kopfschmerzen, die ich nicht loswerden kann. Deshalb: Sei ruhig.« Er hob die Leuchte, damit Kitty sein ernsthaftes Gesicht sehen konnte. Sie sah einen Klecks Konfitüre auf seiner Wange und roch den süßen Duft in seinem Atem. Er wandte sich zum Gehen, beugte sich dann aber noch einmal über sie und sagte: »Pscht, Kitty, oder ich werde dich auspeitschen, so wahr mir Gott helfe, denn ich kann diesen Lärm nicht ertragen.«
    Kitty antwortete dem Mann nicht, sondern biss fest auf das Tuch, das noch immer in ihrem Mund steckte, damit sie nur ja keinen Laut von sich gab, der ihm die Laune verdarb. Denn Kitty war es gelungen, vier Jahre lang zu leben, ohne den Hieb der Peitsche zu spüren. Doch der weiße Mann hatte das Kind
gezeugt, das sie da zur Welt brachte, und wenn er nicht bald ging, würde sie sich von der Matratze erheben, den hässlichen Bakkra am Bein fassen, ihn wie ein Stück Zuckerrohr über dem Kopf schwenken und ihn weit, so weit durch die Luft schleudern, dass er auf einer anderen Insel, von der man sich erzählte, kopfüber in einem Haufen Zuckerrohrabfälle landen würde. Stattdessen biss sie, als er sich wieder das Taschentuch vor die Nase presste, aufstand und sich zum Gehen anschickte, nur noch fester auf den Lappen. Er tat zwei Schritte, bis ihm ein Gedanke kam. Darauf bedacht, sich abwechselnd an beide seiner Sklavinnen zu wenden, sagte er: »Und gebt mir auf das Kleine acht – wird mal ’ne Menge Geld wert sein.«
    Als das Wurm endlich aus Kitty herauspurzelte, stieß es einen so gellenden Schrei aus, dass die Bäume sich bogen, wie wenn ein Hurrikan über sie hinweggefegt wäre. Aufgeschreckt von diesem ungeheuren Schrei, schlug Tam Dewar mit der Faust fest auf seinen Abendessenstisch, und seine kostbare Erdbeerkonfitüre kippte um und ergoss sich auf den Fußboden.

DRITTES KAPITEL
    Nun also, geneigter Leser, ist Kittys einziges Kind endlich auf die Welt gekommen. Kitty nannte ihre Tochter July, denn als sie noch ein Mädchen und grün hinter den Ohren war, hatte Miss Martha, die die Kinder in der dritten Arbeitskolonne beaufsichtigte, es einmal gewagt, ihr beizubringen, wie man die Monate des Jahres schreibt. Obwohl die Geburt ihres Wurms auf einen Dezember gefallen war, konnte sich die nun erwachsene Kitty nur mehr an die graziöse Bewegung von Miss Marthas Arm erinnern, als sie die fließenden Schnörkel des Wortes »July« in den Staub gekratzt hatte. Leise flüsterte Kitty ihrem Wurm das Wort »July« ins Ohr, und so wurde July der Name ihrer Tochter.
    Und was für ein leidenschaftlich quäkendes, quengelndes Kind sie war! Julys zitternde rosa Zunge, ihr zahnlos brüllender Mund waren ihrer Mama vertrauter als Arme und Füße des Kindes. Angesichts der Unruhe, die dieses Neugeborene allstündlich überkam, glaubte Kitty schon, ihr Wurm müsse aus einer anderen, geborgeneren Existenz herausgerissen worden sein und brülle wegen des Unrechts, das ihm angetan wurde: sich als Sklavin in einer stickigen Hütte wiederzufinden, in einem viel zu

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