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Das lange Lied eines Lebens

Das lange Lied eines Lebens

Titel: Das lange Lied eines Lebens
Autoren: Andrea Levy
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so aussieht, als sei ein Insekt mit schmutzigen Beinchen übers Papier gekrochen, und ich drucke ihre Worte, klar und präzise. Man zeige mir Flecken und Tintenkleckse, und ich sehe Form. Mögen Grashalme in der Brise durcheinanderwehen – in ihren fließenden Strähnen finde ich Worte geschrieben.
    So war ich also in der Lage, meiner hoch geschätzten Mutter zu versichern, dass ich ihr gewissenhaftester Lektor sein würde. Noch ihr unleserlichstes Manuskript würde ich zum Leben erwecken und dafür sorgen, dass ihre Geschichte dahinströmte wie einige der besten schriftstellerischen Erzeugnisse englischer Sprache. Und man brauche sich dieses Beistands auch nicht zu schämen, denn in den besten Verlagshäusern Großbritanniens – lassen Sie mich als Beispiele Thomas Nelson and Sons oder Hodder & Stoughton anführen – sei eine behutsame Unterstützung der Autoren in dieser Art gang und gäbe.
    Dankbar stimmte sie zu. Gab dann das Vergnügen auf, Maisbrei, Fischsuppe und geröstete Brotfrüchte zuzubereiten, unsere Kleidung zu nähen und zu flicken, sowie andere Arbeiten, die, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in unserem geschäftigen
Haushalt von einigem Nutzen waren, um all ihre Mühe auf das erhabene Unternehmen zu verwenden, dieses dauerhafte Vermächtnis eines gedruckten Buches.
    Die Erzählung darin ist das alleinige Verdienst meiner Mutter. Obwohl sie anfangs Scheu vor dieser Aufgabe gehabt hatte, war sie nach mehreren Monaten so davon eingenommen und derart ermutigt, dass meine Ratschläge oft auf Ohren fielen, die ihnen verschlossen blieben. Bei einigen Szenen bat ich sie ernstlich, sie nicht in der von ihr gewählten Art abzufassen. Doch wie ein begabter Schüler gegenüber einem erschöpften Lehrer bestand sie darauf, ihren Willen durchzusetzen. Und einer resoluten Frau zuzustimmen ist immer einfacher, als ihr zu widersprechen.
    So ist nur noch eine erklärende Bemerkung meinerseits vonnöten; obwohl diese Geschichte im begrenzten Format und in den begrenzten Seitenzahlen einer Broschüre oder eines Lesehefts Platz finden sollte, wuchs sie immer stärker an. Nichtsdestoweniger, lassen Sie mich diese einleitenden Worte nunmehr beschließen, auf dass die Erzählung meiner Mutter endlich ihren Anfang nehme.
    Thomas Kinsman
Verleger und Herausgeber
Jamaika 1898

ERSTER TEIL

ERSTES KAPITEL
    Es war vorbei, kaum dass es begonnen hatte. Kitty spürte auf nur unerhebliche Weise, wie das Ding des Aufsehers Tam Dewar in sie eindrang, sodass sie beschloss, daran zu glauben, dass er sie einfach nur von hinten angeschubst hatte, so wie jeder grantige, grummelnde, grollende Weiße es getan hätte, wenn sie in einer Menschenmenge zusammengedrängt worden wären. Nur dass er Kitty bei dieser Gelegenheit, nachdem er sein Ding wieder aus ihr herausgezogen hatte, als Geschenk einen zerknitterten Ballen gelb-schwarz gestreiften Stoffs in die Hand drückte. Das war für sie empörender als die grobe Handlung selbst – denn nun musste sie überlegen, ob sie diesem weißen Mann für seine armselige Gabe dankbar zu sein hatte oder nicht …
    Geneigter Leser, mein Sohn erläuterte mir, dass dies für den Beginn einer Geschichte zu taktlos sei. Bitte sieh’s mir nach, aber dein Erzähler ist eine Frau, die geradeheraus spricht und über wenig Tinte verfügt. Sich über die zahlreichen lärmenden Vögel auf dieser Insel zu verbreiten oder über die Natur der Bäume, wo doch jedermann weiß, dass sie grün und üppig sind, oder kostbare Worte daran zu verschwenden, die grausam heiße Sonne zu beklagen, ist weder klug, noch habe ich Lust dazu. Das will ich gleich zu Anfang bekennen, sodass du abwägen kannst, ob du an meiner Geschichte Interesse finden magst.Wenn nicht, so suche andernorts, denn es gibt eine Menge Bücher, die dich zufriedenstellen werden, falls es dich nach Worten verlangt, die frei und ungehindert fallen wie die Kotballen, die aus dem After eines Maultiers plumpsen.

    Tritt an jedwedes Regal, das unter dem Gewicht von Büchern ächzt, und du wirst Bände in Leder und mit Goldprägung finden mit dem aufgeblasenen Gewäsch einer weißen Dame, durch das du dich hindurchwinden kannst. Bäume in Hülle und Fülle wirst du darin sehen, Vögel in allen Farben und, oh, eine Sonne, die glühend heiß herniederbrennt. Diese weiße Missus wird dich, kaum dass du das Buch aufgeschlagen hast, mit den unzähligen Beschwernissen ihres Lebens auf einer Zuckerplantage in Jamaika vertraut machen. Zwei Seiten über

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