Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das lange Lied eines Lebens

Das lange Lied eines Lebens

Titel: Das lange Lied eines Lebens
Autoren: Andrea Levy
Ads
einem Ausdruck voll so tiefer Liebe an, dass Kitty ihn wie Hitze empfand. » Mama gon’ rock, mama gon’ hold, little girl-child mine .« In diesen traumgleichen Augenblicken wurde manchmal alles gut. Das heißt, bis Kitty es wagte, July zum Schlafen wieder in ihr Bettchen zu legen, denn dann riss der kleine Racker den Mund plötzlich so weit wie ein Pflanzloch für Zuckerrohr auf und begann von Neuem mit seinem Gebläke.

VIERTES KAPITEL
    Als ich damit begann, diese Geschichte in die Welt zu setzen, warnte mich mein geliebter Sohn Thomas, dass Worte, wenngleich man sie nicht spüren kann wie eine Peitsche oder eine Faust, doch die Macht haben, selbst den stärksten Mann zu schüchternem Stammeln, zum Weinen zu bringen.
    Heute Morgen hielt es mein Sohn für angebracht, diese Warnung erneut auszusprechen; dabei drohte er mir mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Nun magst du der Ansicht sein, es sei an der Mutter, ihrem Kind mit dem Finger zu drohen, und nicht umgekehrt. Doch höre dies, geneigter Leser: Obwohl mir mein Sohn unter großem Schmerz und Aufruhr aus dem Leib gezogen wurde, muss ich dir gestehen, dass er nicht immer die Segnungen mütterlicher Liebe erfahren hat. Deshalb, bitte, sieh ihm das kleine Vergehen des erhobenen Zeigefingers nach. Und selbst wenn das Gesicht, dem er mit dem Finger droht, das seiner gütigen alten Mama ist, so mag mein Sohn doch mit erhobenem Zeigefinger drohen, wenn er der Meinung ist, ein erhobener Zeigefinger sei angebracht.
    Da aber all dies längst vergessen ist, lass mich zurückkehren zu meiner Geschichte. Denn ich muss den Schauplatz unverzüglich wechseln und einige Jahre in meiner Erzählung überspringen. Daher komm, geneigter Leser, sorg dich nicht länger um die Unhöflichkeit meines Sohnes, sondern folge mir auf dem Fuße.
    Siehst du, dort auf einer Bodenerhebung? Eine einspännige Kutsche, die sich in nicht allzu großer Entfernung vor dir befindet. Die Hitze, die aus der Erde steigt, lässt die Umrisse
des Gefährts flimmern und flirren wie eine Wasserspiegelung. Doch je näher es kommt, desto deutlicher seine Beschaffenheit. Neben der Kutsche springen mehrere Negerkinder. Als sie an Geschwindigkeit gewinnt, werden auch die winzigen schwarzen Gestalten schneller und entschlossener, so als sei ihr Vorankommen Teil eines Wettkampfs, an dem sich alle beteiligen müssen. Schließlich aber halten die Kinder mitten im Lauf inne, erkennen sie doch, dass sie ein Wettrennen gegen ein Pferd nur verlieren können. Stattdessen beginnen sie, auf und ab zu hopsen und mit den Armen zu wedeln, während die Kutsche sich stetig von ihrem Spiel entfernt.
    Der Fuchs, der den leichten Einspänner zieht, trippelt anmutig wie eine Katze auf heißen Steinen über die zerfurchte Erde. Auf dem Bock sitzt der Herr der Plantage mit Namen Amity, Mr John Howarth, und hat die Zügel in der Hand. Die strammen Beine hat er abgespreizt, um während der Fahrt Halt zu finden, und bei jeder holprigen Bewegung des Einspänners wippt die breite Krempe seines weißen Hutes. Passagierin ist seine Schwester, Mrs Caroline Mortimer. Mit einer Hand bemüht sie sich, einen Sonnenschirm in die Höhe zu halten, mit dem sie ihre zarte englische Haut vor der grausamen Morgensonne schützen will, und immer wieder fleht sie ihren Bruder an: »Bitte, fahr langsamer … bitte, sei vorsichtig … bitte, hör auf, so anzugeben, John«, während sie sich mit der anderen Hand furchtsam an der Seite festhält, um das Gleichgewicht zu wahren.
    Caroline Mortimer wohnt erst seit zwei Wochen bei ihrem Bruder und seiner jungen Frau Agnes im Herrenhaus der Plantage, doch während der heißesten Stunden des Tages lässt die Hitze der jamaikanischen Sonne sie bereits erschlaffen wie eine alte Katze. Dreiundzwanzig Sommer hat Caroline auf dieser Erde gelebt und bislang alle davon im sonnengetüpfelten Schatten eines Apfelbaumes am Rande eines englischen Rasens verbracht, wo selbst die heißesten Stunden des Tages ihr allerhöchstens kleine duftende Schweißperlen auf die Stirn
getrieben haben. Das Schiff, mit dem sie nach Jamaika gereist kam, war so unmenschlich über den Ozean geschlingert und gestampft, dass sie sich nach ihrer Ankunft bei ihrem Bruder beklagte, ihre Reise hätte nicht beschwerlicher ausfallen können, hätte man sie auf den Rücken eines Wals gebunden. Sie wiederholte diese Wehklage so oft, dass ihr Bruder, bei dem sie zunächst Heiterkeit ausgelöst hatte, nachdem er sie sich ein ums andere Mal hatte anhören

Weitere Kostenlose Bücher

B00DJ0I366 EBOK
B00DJ0I366 EBOK von Friederike Schmöe
Blutsbrueder
Blutsbrueder von Susan B. Hunt
Intruder 2
Intruder 2 von Wolfgang Hohlbein
Krieg und Frieden
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi