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Das Geheimnis des Roten Ritters

Titel: Das Geheimnis des Roten Ritters
Autoren: dtv
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Johanna nicht hätte, dann wäre
     es noch viel trübsinniger auf Felsenstein. Auch wenn sie ein Mädchen war   …
    »Hör mal«, flüsterte Johanna, obwohl sie hier am Brunnen von niemandem gehört werden konnten. »Ich habe eine Idee.«
    Hagens Gesicht hellte sich auf. Wenn Johanna eine Idee hatte, kam meist etwas Spannendes dabei heraus. Er blinzelte in die
     ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, die hinter Johannas Lockenkopf hervorbrachen. Wie so oft trug sie keine Haube und ihr
     ungefärbtes Leinenkleid, die Tunika, war fleckig. Johanna schaffte es meistens, dem Burgfräulein, das sich um ihre Kleidung
     und Erziehung kümmern sollte, zu entwischen. Ihre Mutter hätte sie nie im Gewand eines Bauernmädels herumlaufen lassen. Sie
     hatte stets darauf geachtet, ihren adligen Stand durch besonders weite, bunte Gewänder deutlich zu machen. Denn nur wer Geld
     hatte, konnte sich den vielen Stoff für weit schwingende Kleider leisten.
    Johanna grinste und warf einen schnellen Blick Richtung Burgtor.
    Im selben Moment wusste Hagen auch schon ihren Plan. Merkwürdig. Er hatte oft das Gefühl, Johannas Gedanken lesen zu können.
     Ob das daran lag, dass sie Zwillinge waren?
    »Du willst zur Hochstraße hinauf, stimmt’s?« Hagen machte große Augen. »Deshalb bist du so früh aufgestanden. Meinst du wirklich,
     dass der Kaiser da vorbeikommt?«
    Johanna zuckte die Schultern. »Er soll schon öftersdie Hochstraße genommen haben. Und wenn wir ihn nicht sehen, dann jede Menge andere edle Herren und Damen. Es muss großartig
     sein, was da jetzt auf der Straße los ist.«
    »Aber Vater hat gesagt, dass sich dort auch jede Menge Gesindel herumtreibt. Gerade jetzt in diesen Tagen. Er wird sicher
     wütend, wenn er uns da sieht.«
    »Wird er doch nie im Leben. Wir werden ihm ja nicht gerade zuwinken, falls er vorbeireitet.«
    »Lust hätte ich schon   … Mensch, einmal den Kaiser Barbarossa sehen   … Ob ihm sein Bart wirklich bis zu den Lenden reicht? Rot wie Feuer soll er sein.«
    »Nun komm schon.« Johanna zupfte Hagen am Zipfel seiner Kapuzenmütze, der Gugel, die fast alle Männer auf der Burg trugen.
     »Wenn wir nicht in der Mittagshitze den Gründelberg hinaufkraxeln wollen, müssen wir uns beeilen.«
    »Warte.« Hagen zog den Eimer aus dem Brunnen und trank einen großen Schluck von dem kühlen Wasser. Der Weg würde anstrengend
     werden. Da wollte er seinen Durst schon mal im Voraus stillen.
    »Also los!« Entschlossen warf er den Eimer zu Boden und griff nach Johannas Hand. Und dann liefen sie zum Burgtor hinüber.

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    Der Schatz des roten Reiters
    Der Weg zur Hochstraße hinauf war wirklich mühselig. Zunächst führte sie ihr Weg zwar bergab. Aber auf der anderen Seite des
     Tals, über dem die Burg Felsenstein thronte, ging es mehrere Meilen stetig bergauf. Oft war der Pfad durch den dichten Urwald
     kaum zu erkennen. An manchen Stellen mussten sie gar über Felsen klettern, um weiterzukommen. Aber egal, schneller als Ritter
     Karl und sein Tross waren sie allemal. Die hatten mehrere Diener und Knechte und sogar Onno, den alten Koch, mit dabei. Außerdem
     nahmen sie die lange, gewundene Straße über die Hasenkuppe. Sie würden sicher erst am Nachmittag auf der Hochstraße nach Mainz
     ankommen.
    Verschwitzt und hungrig erreichten Hagen und Johanna endlich das Gestrüpp, das die Hochstraße säumte. Erst jetzt holte Johanna
     das Brot heraus, das sie in der Tasche ihrer Tunika versteckt hatte. Im Schatten eines Holunderstrauches setzten sie sich
     hin und aßen.
    Hagen zog sich die Gugel vom Kopf und streckte die Beine aus.
    »Bist du sicher, dass das die richtige Straße ist?«, fragte er. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. Kein Mensch war auf dem
     staubigen Weg zu erkennen. Kein Ritter, keine edle Dame und schon gar kein Kaiser Rotbart mit Gefolge. Nicht einmal ein Mönch
     oder ein Bettler war unterwegs. Außer einer Krähe, die spottend in einem Baum über ihren Köpfen krähte, schien überhaupt kein
     Lebewesen hier oben zu sein.
    Johanna verzog den Mund. »Was soll es denn sonst sein?«, meinte sie zögernd. »Eine Straße ist es auf jeden Fall. Und so viele
     gibt es ja nicht in dieser Gegend.«
    Hagen nahm einen Stein und wollte ihn nach der Krähe werfen. Mit dem ganzen Arm, nicht nur aus dem Handgelenk, dachte er.
    Doch da griff Johanna nach dem Ärmel seiner Tunika. »Still«, flüsterte sie. »Da kommt jemand.«
    Jetzt hörte auch Hagen das Getrappel. Zuerst noch leise, dann

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