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Das Geheimnis des Roten Ritters

Titel: Das Geheimnis des Roten Ritters
Autoren: dtv
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wie einen Säugling.
    Oder noch schlimmer: wie einen Feigling. Als wäre er, Hagen, nicht auch liebend gern auf eine andere Burg als Page gezogen!
     Nur wegen seiner elenden Krankheit war er auf Felsenstein geblieben. Ritter Gottfried, der Lehnsherr seines Vaters, hatte
     ihn nicht mehr als Pagen gewollt. Das wusste jeder auf der Burg!
    Wie gerne wäre er damals ins Kloster Hartenau gegangen. Dann hätte er wenigstens das Lesen und Schreiben und die lateinische
     Sprache gelernt. Aber die Mutter hatte ihn leider nicht weggehen lassen – und so war er nun zu nichts nutze.
    »Du musst mit dem ganzen Arm werfen, Hagen. Nicht nur mit dem Handgelenk.« Das war Ritter Karls Antwort auf die Bitte seines
     Sohnes. Dann gingen die Männer weiter und beachteten ihn nicht mehr. Nur Waldemar streckte Hagen kurz die Zunge heraus. Wie
     ein Hanswurst eben. Und so einer durfte mit nach Mainz! Ach, das Leben war so ungerecht!

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    Johannas Plan
    »Psst   … Hagen!« Eine leise, aber energische Stimme riss Hagen aus seiner Grübelei.
    Er schaute in Richtung des Ziehbrunnens. Hinter dem großen Holzzuber, den eine der Mägde dort abgestellt haben musste, konnte
     er die braunen Locken seiner Schwester Johanna entdecken. Hagen lief zu ihr hinüber.
    »Was machst du hier?«, fragte er. Normalerweise schliefen die Mädchen um diese Zeit noch im Frauenzimmer. Und Johanna sah
     auch wirklich so aus, als könnte sie gut noch ein paar Stunden Schlaf gebrauchen.
    »Dasselbe wie du«, antwortete Johanna. »Ich will sehen, wie sie losziehen. Vater hat seine edelste Rüstung polieren lassen
     und ich hab ihm gestern Abend noch den neuen Waffenrock glatt gebürstet. Auf Waldemars Festgewand bin ich auch gespannt.«
    Hagens Miene verdüsterte sich.
» Ich
will das nicht sehen!«, raunzte er Johanna an. »Lass mich in Ruhe mit dem Mist.«
    Johanna nahm Hagen seine Grobheit nicht übel. Sie verstand ihn ja so gut. Auch sie wäre für ihr Leben gern bei dem großen
     Fest des Kaisers in Mainz dabei gewesen. Die Schwertleite der Kaisersöhne Heinrich und Friedrich! Beim großen Hoftag an Pfingsten
     sollten die beiden jungen Männer feierlich zu Rittern geschlagen werden. Auf die Bibel würden sie schwören, die Kirche zu
     schützen, die Schwachen zu verteidigen, gegen alles Böse zu kämpfen und ihrem Lehnsherrn treu zu sein. Drei Tage sollte das
     Fest dauern und es würde die prächtigsten Zweikämpfe und Buhurte geben, die man sich nur vorstellen konnte.
    Johanna hätte schrecklich gerne einmal so einen Buhurt gesehen, bei denen zwei Gruppen von Rittern gegeneinander kämpften
     und ihre Geschicklichkeit mit den Pferden zeigten. Es ging dabei nicht blutig zu, weil die Männer nur mit Holzschwertern kämpften.
    Auf Burg Felsenstein sprach man seit Wochen von dem Fest, das mit allem Glanz am Ufer des Rheins gefeiert werden sollte. Es
     hieß, dass Tausende und Abertausende von Rittern aus dem ganzen Reich erwartet wurden! Dazu alle wichtigen Leute des Reichs:
     Bischöfe, Äbte, Könige und Edelmänner.Allein der Abt von Fulda sollte mit fünfhundert Leuten angereist sein! Ach, all die feinen Edeldamen   … was musste das für ein Schauspiel sein.
    Johanna schluckte. Wenn ihre Mutter noch leben würde! Die wäre natürlich mit nach Mainz gefahren. Und dann hätten sie hier,
     auf Felsenstein, jedenfalls ein bisschen von der Festlichkeit mitbekommen. Denn ihre Mutter hatte es geliebt, die schönen
     Stoffe vor Johanna auszubreiten, aus denen sie ihre Kleider selbst schneiderte. Doch das war vorbei. Die Herrin von Felsenstein
     war an dem gleichenschrecklichen Lungenfieber gestorben, das Hagen ein paar Jahre zuvor nur knapp überlebt hatte.

    »Waldemar sieht doch eh aus wie ein Narr, egal was er anhat«, meinte Johanna und stupste Hagen mit dem Ellenbogen an. Sie
     sah den mageren Waldemar vor sich und seufzte. Dieser Kerl, der sich offenbar für unwiderstehlich hielt, hatte ein Auge auf
     sie geworfen. Und für Ritter Karl stand ihre Verlobung mit seinem Knappen eh schon fest. Schließlich war Waldemar von Waldenburg
     der Sohn eines reichen Edelmanns und eine gute Partie. Aber auch wenn sie mit zwölf Jahren inzwischen heiratsfähig war, dachte
     sie gar nicht daran, sich dem Willen des Vaters zu beugen.
    »Vaters Knappe ist leider ein Dummkopf«, sagte sie. Und es klang so, als wäre das eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln
     gab.
    Hagen grinste schwach. Johanna war auf seiner Seite. Das war immerhin ein Trost. Ach, wenn er

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