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Chronik eines angekuendigten Todes

Chronik eines angekuendigten Todes

Titel: Chronik eines angekuendigten Todes
Autoren: Gabriel García Márquez
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in Richtung Hafen.
    Auf der Plaza war nur der Milchladen neben der Kirche geöffnet, und dort saßen die beiden Männer, die auf Santiago Nasar warteten, um ihn zu töten. Clotilde Armenta, die Besitzerin des Geschäfts, sah ihn als Erste im Glanz des Tagesanbruchs und dachte, er sei in Aluminium gehüllt. »Er glich bereits einem Gespenst«, sagte sie zu mir. Die Männer, die ihn töten sollten, waren auf ihren Stühlen eingeschlafen, hatten die in Zeitungen gewickelten Messer auf den Schoß gepresst, und Clotilde Armenta hielt den Atem an, um sie nicht zu wecken.
    Es waren Zwillinge: Pedro und Pablo Vicario, vierundzwanzig Jahre alt und einander so ähnlich, dass es Mühe kostete, sie auseinander zu halten. »Sie waren vierschrötig, aber gutartig«, hieß es in der Beweisaufnahme. Ich, der ich sie seit der Volksschule kannte, hätte das Gleiche geschrieben. An jenem Morgen trugen sie noch die dunklen Tuchanzüge von der Hochzeit, viel zu schwer und zu förmlich für die Karibik, und sahen nach so vielen durchfeierten Stunden ziemlich mitgenommen aus, waren jedoch der Pflicht nachgekommen, sich zu rasieren. Obgleich sie seit dem Vorabend des Festes nicht aufgehört hatten zu trinken, waren sie nach drei Tagen nicht mehr betrunken undwirkten nur wie übernächtigte Schlafwandler. Nachdem sie drei Stunden in Clotilde Armentas Laden gewartet hatten, waren sie beim ersten Schimmer der Morgenröte eingeschlafen, und das war seit Freitag ihr erster Schlaf. Sie waren beim ersten Aufheulen des Dampfers nur halb erwacht, aber der Instinkt weckte sie dann ganz, als Santiago Nasar sein Haus verließ. Beide packten ihre Zeitungsrolle, und Pedro Vicario erhob sich.
    »Um Gottes Willen«, murmelte Clotilde Armenta. »Lasst es doch für später, und sei es nur aus Achtung vor dem Bischof.«
    »Das war eine Eingebung des Heiligen Geistes«, wiederholte sie oft. In der Tat war es ein begnadeter Einfall gewesen, doch nur von vorübergehender Wirkung. Als die Zwillinge Vicario das hörten, überlegten sie, und der, der sich erhoben hatte, setzte sich wieder. Beide verfolgten Santiago Nasar mit dem Blick, als er nun über die Plaza schritt. »Sie betrachteten ihn eher mitleidig«, sagte Clotilde Armenta. In diesem Augenblick überquerten die kleinen Mädchen der Nonnenschule in ihrer Waisenuniform ungeordnet den Platz.
    Plácida Linero hatte Recht: Der Bischof ging nicht von Bord. Außer den Amtsträgern und den Schulkindern waren noch viele Leute am Hafen, und überall sah man Körbe mit Masthähnen, Geschenke für den Bischof, denn Hahnenkammsuppe war sein Lieblingsgericht. Auf dem Frachtkai lag so viel Brennholz gestapelt, dass der Dampfer mindestens zwei Stunden fürs Laden benötigt hätte. Doch er legte nicht an. Er tauchte in der Flussbiegung auf, fauchend wie ein Drache, und nun stimmte die Musikkapelle dieBischofshymne an, und die Hähne krähten in ihren Körben und störten die anderen Hähne im Dorf auf.
    Zu jener Zeit ging es mit den legendären, holzbefeuerten Raddampfern zu Ende, und die wenigen, die noch im Dienst waren, hatten bereits kein Pianola mehr, auch keine Kabinen für Hochzeitsreisende, und sie kamen kaum gegen die Strömung an. Doch dieser hier war neu und besaß zwei Schornsteine statt einem, als Schornsteinmarke war die Landesflagge aufgemalt, und das Schaufelrad am Heck verlieh ihm die Antriebskraft eines seetüchtigen Schiffs. Auf dem Oberdeck neben der Kapitänskajüte stand der Bischof in weißer Soutane mit seinem Gefolge von Spaniern. »Es war Weihnachtswetter«, sagt meine Schwester Margot. Nach ihrem Bericht stieß das Schiff, als es tutend am Hafen entlangfuhr, einen Dampfstrahl aus, der die nah am Ufer Stehenden durchnässte. Es war eine flüchtige Illusion: Der Bischof begann vor der am Kai versammelten Menge das Zeichen des Kreuzes in die Luft zu machen, dann machte er es mechanisch weiter, gedankenlos und unbeseelt, bis das Schiff außer Sichtweite glitt und nur noch das Lärmen der Hähne blieb.
    Santiago Nasar hatte Gründe, sich betrogen zu fühlen. Er hatte nach dem Aufruf von Pater Carmen Amador mehrere Fuhren Holz bereitgestellt und hatte überdies höchstpersönlich die Hähne mit den leckersten Kämmen ausgesucht. Doch seine Verstimmung verflog rasch. Meine Schwester Margot, die mit ihm am Kai stand, fand ihn gutgelaunt und voller Lust weiterzufeiern, obwohl die Aspirintabletten ihm keine Linderung gebracht hatten. »Er sah nichterkältet aus und dachte nur daran, was die Hochzeit

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