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Chronik eines angekuendigten Todes

Chronik eines angekuendigten Todes

Titel: Chronik eines angekuendigten Todes
Autoren: Gabriel García Márquez
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Arzneischränkchen im Badezimmer nach einem Aspirin tastete, sie knipste das Licht an und sah ihn, das Glas Wasser in der Hand, in der Tür stehen, so wie er ihr für immer in Erinnerung bleiben sollte. Santiago Nasar erzählteihr dann seinen Traum, doch sie achtete nicht auf die Bäume.
    »Alle Träume mit Vögeln bedeuten gute Gesundheit«, sagte sie.
    Sie sah ihn von derselben Hängematte aus, in der gleichen Stellung, in der ich sie in den letzten lichten Momenten ihres Alters hingestreckt fand, als ich in dieses vergessene Dorf zurückgekehrt war, um den zerbrochenen Spiegel der Erinnerung aus den vielen verstreuten Scherben wieder zusammenzusetzen. Sie konnte auch bei Tageslicht kaum noch Umrisse erkennen, und auf den Schläfen hatte sie Heilkräuter zur Linderung der ewigen Kopfschmerzen, die ihr der Sohn bei seinem letzten Gang durchs Schlafzimmer hinterlassen hatte. Sie lag auf der Seite, hielt sich an den Hanfstricken am Kopfende der Hängematte fest, um sich aufrichten zu können, und im Dämmerlicht hing dieser Geruch nach Taufkapelle, der mich am Morgen des Verbrechens überrascht hatte.
    Kaum war ich in der Türöffnung erschienen, verschmolz ich für sie mit dem Erinnerungsbild von Santiago Nasar. »Dort stand er«, sagte sie zu mir. »Er trug den nur mit Wasser gewaschenen weißen Leinenanzug, denn seine Haut war so zart, dass er das laute Schaben der Stärke nicht ertrug.« Sie saß lange Zeit in der Hängematte, Kressekerne kauend, bis sich die Illusion, der Sohn sei zurückgekehrt, gelegt hatte. Dann seufzte sie: »Er war der Mann meines Lebens.«
    Ich sah ihn in ihrer Erinnerung. In der letzten Januarwoche war er einundzwanzig Jahre alt geworden, er war schlank und hatte die arabischen Augenlider und das gelockte Haar seines Vaters. Er war der einzigeSohn einer Vernunftehe, die keinen Augenblick des Glücks gekannt hatte, doch schien er mit seinem Vater glücklich gewesen zu sein, bis dieser plötzlich, drei Jahre zuvor, gestorben war, und er schien auch mit der einsamen Mutter weiterhin glücklich zu sein, bis zum Montag seines Todes. Von ihr hatte er den Instinkt geerbt. Von seinem Vater lernte er schon als Kind den Umgang mit Feuerwaffen, die Liebe zu Pferden und das Abrichten von Greifvögeln, erlernte aber auch die schönen Künste der Tapferkeit und der Besonnenheit. Untereinander sprachen sie Arabisch, nicht jedoch vor Plácida Linero, damit diese sich nicht ausgeschlossen fühlte. Nie sah man die beiden bewaffnet im Dorf, und nur ein einziges Mal hatten sie ihre abgerichteten Falken dabei, um auf einem Wohltätigkeitsbazar die Beizjagd vorzuführen. Der Tod seines Vaters hatte Santiago Nasar gezwungen, seine Ausbildung mit der Oberschule zu beenden, um die Leitung der Familien-Hacienda zu übernehmen. Aus eigener Kraft war er heiter und friedlich und hatte ein unbeschwertes Herz.
    An dem Tag, an dem sie ihn töten sollten, glaubte seine Mutter, als sie ihn im weißen Anzug sah, er habe sich im Datum geirrt. »Ich erinnerte ihn daran, dass es Montag war«, sagte sie zu mir. Doch er hatte ihr seinen feierlichen Aufzug damit erklärt, dass sich die Gelegenheit ergeben könnte, den Ring des Bischofs zu küssen. Sie zeigte keinerlei Interesse.
    »Er wird nicht einmal von Bord gehen«, sagte sie zu ihm. »Wie üblich wird er pflichtgemäß seinen Segen austeilen und dahin zurückfahren, woher er gekommen ist. Er hasst dieses Dorf.«

    Santiago Nasar wusste, dass dies zutraf, doch Kirchenpomp zog ihn unwiderstehlich an. »Das ist wie Kino«, hatte er einmal zu mir gesagt. Seine Mutter hingegen interessierte die Ankunft des Bischofs nur insoweit, als sie fürchtete, ihr Sohn könne in den Regen kommen, denn sie hatte ihn im Schlaf niesen hören. Sie riet ihm, einen Regenschirm mitzunehmen, doch er winkte nur zum Abschied und verließ das Zimmer. Das war das letzte Mal, dass sie ihn sah.
    Victoria Guzmán, die Köchin, war sicher, dass es an jenem Tag nicht geregnet hatte, wie den ganzen Februar über nicht. »Im Gegenteil«, sagte sie, als ich sie kurz vor ihrem Tod aufsuchte, »es wurde früher am Tag heiß als im August.« Umringt von hechelnden Hunden zerlegte sie gerade drei Kaninchen für das Mittagessen, als Santiago Nasar die Küche betrat. »Er sah immer wie nach einer durchsumpften Nacht aus, wenn er aufstand«, erinnerte sich Victoria Guzmán lieblos. Divina Flor, ihre kaum erblühte Tochter, hatte Santiago Nasar, wie jeden Montag, eine große Tasse Hochlandkaffee mit einem Schuss

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