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Chronik eines angekuendigten Todes

Chronik eines angekuendigten Todes

Titel: Chronik eines angekuendigten Todes
Autoren: Gabriel García Márquez
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und nicht vor der hinteren Tür die Männer, die Santiago Nasar töten sollten, und durch diese Tür ging er auch zum Empfang des Bischofs hinaus, obwohl er ganz ums Haus herum musste, um zum Hafen zu gelangen.
    Niemand vermochte das Zusammentreffen so vieler verhängnisvoller Zufälle zu begreifen. Diese beunruhigten wohl auch den Untersuchungsrichter aus Riohacha, was er sich aber nicht einzugestehen wagte, denn sein Bestreben, eine rationale Erklärung dafür zu finden, ergab sich deutlich aus der Beweisaufnahme. Die Haustür wurde mehrmals mit einer melodramatischen Bezeichnung erwähnt: Die Schicksalstür . Die einzig gültige Erklärung schien tatsächlich von Plácida Linero zu kommen, die auf die Frage mit einer mütterlichen Begründung antwortete: »Mein Sohn ging nie durch die Hintertür raus, wenn er gut angezogen war.« Diese Erklärung schien so schlicht, dass der Untersuchungsrichtersie zwar in einer Randbemerkung festhielt, aber nicht in den abschließenden Bericht aufnahm.
    Victoria Guzmán ihrerseits hatte eine eindeutige Antwort: Weder sie noch ihre Tochter hätten gewusst, dass man auf Santiago Nasar wartete, um ihn zu töten. Doch gab sie im Lauf der Jahre zu, dass sie es beide gewusst hatten, als er die Küche betrat, um seinen Kaffee zu trinken. Eine Frau, die kurz nach fünf Uhr hereingekommen war und um ein wenig Milch bettelte, hatte es ihnen gesagt, auch die Beweggründe genannt und den Ort, an dem man ihn bereits erwartete. »Ich habe ihn nicht gewarnt, weil ich das für Geschwätz von Besoffenen hielt«, sagte sie zu mir. Divina Flor gestand mir jedoch bei einem späteren Besuch, als ihre Mutter bereits tot war, dass diese Santiago Nasar nichts gesagt hatte, weil sie im Grunde ihres Herzens seinen Tod wünschte. Sie selbst hingegen habe ihn nicht gewarnt, weil sie damals nichts als ein ängstliches, zu eigenen Entscheidungen unfähiges kleines Mädchen gewesen sei, das noch mehr Angst bekommen hatte, als er sie mit einer Hand, die sich eisig und steinern wie die eines Toten anfühlte, am Handgelenk gepackt hatte.
    Santiago Nasar schritt mit großen Schritten durch das halbdunkle Haus, verfolgt vom Jubelgeheul des bischöflichen Dampfers. Divina Flor eilte voraus, um Santiago Nasar die Tür zu öffnen, bemüht, sich zwischen den Käfigen mit den schlafenden Vögeln im Esszimmer, den Korbmöbeln und den im Wohnzimmer hängenden Farnkrauttöpfen nicht einholen zu lassen, doch als sie den Riegel der Haustür zurückschob,gelang es ihr wieder einmal nicht, der Hand des blutrünstigen Sperbers auszuweichen. »Er griff mir gleich an die Möse«, sagte Divina Flor zu mir. »Das tat er immer, wenn er mich allein in einem Winkel des Hauses traf, doch an jenem Tag erschrak ich nicht wie sonst, sondern hatte nur eine fürchterliche Lust zu weinen.« Sie wich zurück, um ihn hinaustreten zu lassen, und durch die halb geöffnete Tür sah sie die Mandelbäume der Plaza, schneeweiß im Morgenglanz, doch ihr fehlte der Mut, mehr zu sehen. »Dann hörte das Tuten des Dampfers auf, und die Hähne begannen zu krähen«, sagte sie zu mir. »Es war ein derartiger Lärm, dass man kaum glauben konnte, es gäbe so viele Hähne im Dorf, und ich dachte, sie seien mit dem Dampfer des Bischofs gekommen.« Das Einzige, was sie für den Mann tun konnte, der nie der ihre werden sollte, war, die Tür gegen Plácida Lineros Anweisung unverriegelt zu lassen, damit er im Notfall wieder hereinkommen konnte. Jemand, der nie identifiziert wurde, hatte einen Umschlag mit einem Zettel unter der Tür durchgeschoben, auf dem Santiago Nasar mitgeteilt wurde, dass man auf ihn warte, um ihn zu töten; man enthüllte ihm überdies den Ort und die Beweggründe, sowie andere Einzelheiten des Komplotts. Die Botschaft lag auf dem Fußboden, als Santiago Nasar sein Haus verließ, aber er sah sie nicht, noch sah sie Divina Flor oder sonst jemand, gesehen wurde sie erst, nachdem das Verbrechen längst verübt war.
    Es hatte sechs geschlagen, und noch brannte die Straßenbeleuchtung. Auf den Ästen der Mandelbäume und einigen Balkonen hingen die bunten Hochzeitsgirlanden,so dass man hätte meinen können, sie seien gerade zu Ehren des Bischofs aufgehängt worden. Aber die Plaza, fliesenbedeckt bis zum Vorhof der Kirche, wo das Musikpodium stand, glich einer Müllhalde mit den leeren Flaschen und allem möglichen Abfall des öffentlichen Gelages. Als Santiago Nasar sein Haus verließ, rannten etliche Leute, vom Geheul des Dampfers getrieben,

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