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Chronik eines angekuendigten Todes

Chronik eines angekuendigten Todes

Titel: Chronik eines angekuendigten Todes
Autoren: Gabriel García Márquez
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entgegengesetzte Richtung rannte, sich ihrer Verstörung erbarmte.
    »Bemühen Sie sich nicht, Luisa Santiaga«, schrie er ihr im Vorübereilen zu. »Sie haben ihn schon getötet.«

Kapitel 2
    Bayardo San Román, der Mann, der seine Ehefrau zurückgab, war zum ersten Mal im August des vergangenen Jahres hier aufgetaucht: sechs Monate vor der Hochzeit. Er kam mit dem wöchentlichen Schiff und hatte Reisetaschen mit Silberbeschlägen dabei, die zu seiner Gürtelschnalle und den Ösen seiner Schnürstiefel passten. Er war um die Dreißig, sah aber jünger aus, denn er hatte die Taille eines jungen Stierkämpfers, goldene Augen und eine von der Salzluft schonend gegerbte Haut. Er kam in einem kurzen Jackett und einer sehr engen Hose aus rohem Kalbsleder, dazu trug er Handschuhe gleicher Farbe aus Chevreauleder. Magdalena Oliver war mit ihm auf dem Dampfer gereist und konnte während der Fahrt nicht den Blick von ihm lassen. »Er wirkte wie ein Schwuler«, sagte sie zu mir. »Und das war schade, denn er sah so lecker aus, dass man ihn am liebsten mit Butter bestrichen und bei lebendigem Leibe vernascht hätte.«
    Sie war nicht die Einzige, die das dachte, auch nicht die Letzte, die merkte, dass Bayardo San Román kein Mann war, den man auf den ersten Blick einschätzen konnte.
    Meine Mutter schrieb mir Ende August ins Internat und merkte beiläufig an: »Ein sehr seltsamer Mann ist hier aufgetaucht.« Im folgenden Brief sagte sie: »Der seltsame Mann heißt Bayardo San Román, und alle Welt sagt, er sei bezaubernd, aber ich habe ihnnoch nicht gesehen.« Niemand hat je erfahren, weshalb er gekommen war. Einem, der es sich nicht verkneifen konnte, ihn kurz vor der Hochzeit danach zu fragen, antwortete er: »Ich zog von Dorf zu Dorf auf der Suche nach einer zum Heiraten.« Es mochte wahr sein, aber er hätte genauso gut etwas anderes erwidern können, denn er hatte eine Art zu reden, die eher dazu diente, die Dinge zu verschleiern als sie auszusprechen.
    Am Abend seiner Ankunft gab er im Kino zu verstehen, er sei Eisenbahningenieur, und sprach von der Dringlichkeit, eine Bahnlinie ins Landesinnere zu bauen, um den Launen des Flusses zuvorzukommen. Am nächsten Tag musste er ein Telegramm abschicken, übermittelte es selber auf dem Taster und brachte außerdem dem Telegraphisten seinen Trick bei, leere Batterien weiter zu verwenden. Ebenso kenntnisreich hatte er mit einem Militärarzt, der in jenen Monaten hier die Rekrutierung durchführte, über Grenzkrankheiten gesprochen. Er schätzte lange lärmende Feste, war dazu ein standfester Trinker, ein Schlichter von Streitereien und ein Feind von Taschenspielertricks. Eines Sonntags nach der Messe forderte er die geübten Schwimmer heraus, von denen es viele gab, und ließ bei einer Durchquerung des Flusses, hin und zurück, die Besten um zwanzig Stöße hinter sich. Meine Mutter erzählte es mir in einem Brief und schloss mit einer ihr eignen Bemerkung: »Er scheint auch in Gold zu schwimmen.« Dies entsprach der voreiligen Legende, Bayardo San Román könne nicht nur alles und das sehr gut, sondern verfüge zudem über unerschöpfliche Mittel.

    Meine Mutter gab ihm in einem Brief vom Oktober endgültig ihren Segen: »Er ist hier sehr beliebt«, schrieb sie, »denn er hat Anstand und ein gutes Herz, am vergangenen Sonntag hat er kniend die Kommunion empfangen und bei der Messe auf Lateinisch ministriert.« Zu jener Zeit war es nicht erlaubt, die Kommunion stehend zu empfangen, und die Messe wurde nur auf Latein gelesen, doch meine Mutter hat die Gewohnheit, dergleichen überflüssige Erklärungen abzugeben, wenn sie den Dingen auf den Grund gehen will. Nach dieser Absegnung schrieb sie allerdings noch zwei Briefe, in denen sie Bayardo San Román nicht mehr erwähnte, nicht einmal dann, als schon allseits bekannt war, dass er Ángela Vicario heiraten wollte. Erst lange nach der unglückseligen Hochzeit gestand sie mir, dass sie ihn kennen gelernt hatte, als es bereits zu spät war, um ihren Oktoberbrief zu berichtigen, und dass seine goldenen Augen sie vor Grauen hatten erzittern lassen.
    »Er kam mir vor wie der Teufel«, sagte sie zu mir, »aber du hast selbst gesagt, solche Dinge soll man nicht schriftlich weitergeben.«
    Ich lernte ihn kurz nach ihr kennen, als ich in den Weihnachtsferien nach Hause kam, und fand ihn nicht so seltsam, wie behauptet wurde. Er schien mir in der Tat anziehend, doch ganz anders als Magdalena Olivers Schwärmerei nahe legte. Er schien mir

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