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Charmant und unwiderstehlich

Charmant und unwiderstehlich

Titel: Charmant und unwiderstehlich
Autoren: Kate Welsh
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PROLOG
    Der Himmel weint, dachte Melissa Abell, als sie aus dem Fenster der Friedhofskapelle schaute. Anders konnte sie es sich nicht erklären, dass es in den vergangenen Tagen ununterbrochen geregnet hatte. Ein leuchtendes Licht war erloschen. Und jetzt trug die Welt Trauer. Das Licht war ihre quirlige Zwillingsschwester Leigh gewesen. Und die Liebe, die Leigh und ihr Ehemann Gary einander geschenkt hatten. Sie hatten diese Welt für immer verlassen. Alle beide.
    Melissas Blick fiel wieder auf die beiden Eichensärge, die die sterblichen Überreste von Leigh und Gary bargen. Sie war dankbar, dass die Särge geschlossen waren. Es bot ihr die Möglichkeit, die beiden so in Erinnerung zu behalten, wie sie sie das letzte Mal gesehen hatte. Überglücklich hatten sie sich damit beschäftigt, das Kinderzimmer einzurichten. Melissa legte die Hand auf ihren Bauch. Noch war er flach. Das Zimmer war für das Kind bestimmt, das sie in ihrem Leib trug.
    Sie schaute sich in der geschmackvoll dekorierten Kapelle um und begutachtete den Blumenschmuck, der um die beiden Särge herum arrangiert war.
    Bedank dich bei Garys Bruder für das schöne Arrangement, mahnte sie sich.
    Unbedingt.
    Sie nahm es sich ganz fest vor.
    Selbst wenn es sie umbringen würde.
    Garys engster Familienkreis glänzte durch Abwesenheit. Nur ein paar entfernte Cousins hatten es für nötig gehalten, zur Beerdigung zu erscheinen. Zwei Stunden lang hatte Melissa neben den Särgen gestanden und die Beileidsbekundungen der Freunde und Bekannten von Leigh entgegengenommen.
    Als sie auf die Uhr schaute, hörte sie plötzlich Lärm an der Tür. Endlich, Garys Bruder und seine Eltern waren angekommen – nur wenige Minuten vor Beginn der Trauerfeier. Aber wenigstens konnte sie sich sicher sein, dass Garys Bruder Brad daran unschuldig war. Die beiden Brüder hatten einander sehr nahe gestanden.
    Melissa wartete ab, bis Brad und seine Eltern die Regenmäntel ausgezogen hatten und für ihren Auftritt bereit waren. Dann ging sie zu ihrem Platz und bedeutete dem Pfarrer mit einer Handbewegung, mit der Trauerfeier zu beginnen. Wenn die Costains sich zu ihren Plätzen in der ersten Reihe würden durchdrängeln müssen, dann hatten sie eben Pech gehabt.
    Was sind das nur für Eltern, die zur Beerdigung ihres eigenen Sohnes beinahe zu spät kommen? fragte sie sich fassungslos.
    Als sie ihm das Zeichen gegeben hatte, war der Pfarrer sofort aufgestanden. In den letzten zwei Stunden hatte er sie nach besten Kräften unterstützt. Und er konnte sie nur zu gut verstehen. Wenn die Costains die Absicht gehabt hätten, ihrem Sohn die letzte Ehre zu erweisen, dann wären sie pünktlich gewesen. Die Beileidsbekundungen konnten sie auch später entgegennehmen.
    Der Pfarrer betete für Gary und Leigh und erinnerte die Trauergemeinde daran, dass es keinen Sinn machte, über das tragische Schicksal der beiden nachzugrübeln. Das Leben war kurz genug, und es war wichtiger, es in vollen Zügen zu genießen. Er sprach darüber, dass Brad in Gary nicht nur seinen Bruder, sondern auch seinen besten Freund verloren hatte. Und die Costains ihren Sohn. Er sprach davon, dass der Verlust ihrer Zwillingsschwester für Melissa sehr schmerzlich sein musste. Sie sollte dankbar dafür sein, dass sie auf ganz besondere Weise mit Gary und Leigh verbunden bleiben würde. Es war unnötig, aller Welt zu verkünden, dass sie Garys Kind in ihrem Bauch trug, aber bevor Melissa weiter darüber nachdenken konnte, sprach der freundliche Pfarrer das Vaterunser und die Trauerfeier war vorüber. Leigh und Gary sollten später eingeäschert und die Urnen in der Familiengruft beigesetzt werden.
    Der Bestattungsunternehmer trat neben den Pfarrer und lud die Gäste zu einer Trauermahlzeit auf Bellfield ein. Bellfield war das Anwesen der Costains, und offensichtlich erwartete man, dass jeder den Weg dorthin kannte, denn der Unternehmer schien weitere Erklärungen für überflüssig zu halten. Und wer sich in der High Society nicht auskennt, ist sowieso nicht willkommen, vermutete Melissa.
    Entschlossen verscheuchte sie ihren Unwillen. Es war ihr gleichgültig, ob sie bei den Costains willkommen war oder nicht, denn sie hatte nicht die Absicht, in Bellfield aufzutauchen. Während die Trauergäste die Vorsuppe löffelten, würde sie ganz sicher schon wieder in Delaware sein. Auf dem Weg nach Hause. Nach dorthin, wo sie hergekommen war. Wo sie hingehörte.
    Sie hatte sich gerade hinuntergebeugt, um ihre Handtasche

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