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Charlie + Leo

Charlie + Leo

Titel: Charlie + Leo
Autoren: Jochen Till
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    Das bin ich. Echt jetzt. So sehe ich aus. Ganz schön hässlich, was? Aber nicht, dass jetzt jemand denkt, ich könnte nicht zeichnen. Ich kann sogar sehr gut zeichnen. Nur wenn ich mich selbst zeichne, kommt immer so etwas dabei heraus. Weil es genau das ist, was ich im Spiegel sehe.
    Wer jetzt denkt, der arme Junge, der ist ja ganz schön gestraft, wenn er so aussieht, schlimmer geht’s ja kaum, der hat sich geschnitten, weil er nämlich meinen Namen noch nicht kennt. Es ist der größte Loser-Name der Weltgeschichte. Okay, vielleicht nur der Comicwelt-Geschichte, wenn man’s genau nimmt, aber da Comics für mich die Welt sind, trifft es dann doch wieder zu.
    Nein, ich heiße nicht Donald Duck. Der ist zwar auch ein Loser, aber außerdem eine Ente und zählt somit nicht. Mein Name ist der einer menschlichen Comicfigur, so wie Tim oder Lucky Luke oder Asterix, wobei ich natürlich auch nicht Asterix heißen möchte, das wäre ja total albern, aber Asterix ist wenigstens kein Lose r – im Gegensatz zu Charlie Brown.
    Charlie Brown ist die Hauptfigur der zugegebenermaßen großartigen Comicstrip-Serie Peanuts . Aber eben der größte Loser der Comicwelt-Geschichte. Er kriegt immer eins auf den Deckel, wird ständig von Lucy verarscht, verliert jedes Baseballspiel, traut sich nie, das kleine rothaarige Mädchen anzusprechen, in das er verliebt ist, und selbst sein Hund ist cooler als er. Und genau so heiße ich: Charlie Braun. Absurd, oder?
    Aber wer meinen Vater kennt, der wundert sich nicht großartig über absurd, das könnte nämlich sein zweiter Vorname sein. Adam Absurd Braun. Und es wird noch absurder. Meine Mutter heißt nämlich Eva. Kein Witz. Ich wurde von Adam und Eva gezeugt.
    Das sieht auf den ersten Blick vielleicht durchaus romantisch und nach Schicksal aus. Aber guckt mal genauer hin. Adam und Eva Braun. Erkennt jemand die nächste Absurdität? Allzu viel Ahnung von Geschichte habe ich zwar nicht, aber dass Eva Braun die Lebensabschnittsgefährtin von Adolf Hitler war, weiß selbst ich. Meine Mutter hieß also genauso wie die Frau, die Hitler gepoppt hat. Und ich bin mir sicher, das war auch ein Grund dafür, dass sie uns verlassen hat und nach Amerika ausgewandert ist, als ich drei Jahre alt war. Natürlich nicht zu vergessen die Tatsache, dass es eigentlich unmöglich ist, mit meinem Vater zusammenzuleben. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der das hinkriegt, ohne täglich hundertmal durchzudrehen.
    Mein Vater ist allein nicht überlebensfähig, ein absoluter Chaot. Ein kleines Beispiel: Wenn man meinen Vater die Spülmaschine ausräumen lässt, kann es sein, dass man das Geschirr hinterher im Kühlschrank wiederfindet. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisberges. Oder ist bei euch etwa auch schon mal der Staubsauger in Flammen aufgegangen, weil euer Vater versucht hat, damit das verstopfte Klo frei zu saugen? Bestimmt nicht. Aber bei uns passiert so etwas ständi g – wenn ich nicht aufpasse. Bis vor einem Jahr hat diesen Job noch Tante Heidi erledigt. Als meine Mutter damals abgehauen ist, sind wir sofort zu ihr gezogen, zum Glück. Wer weiß, ob ich meine Kindheit überlebt hätte, so ganz allein mit einem Vater, der es schon mal fertigbringt, drei Tage lang nichts zu essen, wenn man ihn nicht daran erinnert.
    Leider hat Tante Heidi vorletztes Jahr im Urlaub in Spanien dann Petrus Merlin kennengelernt. Ich weiß, ihr glaubt jetzt, ich verarsche euch die ganze Zeit mit all diesen absurden Namen, aber der Mann heißt wirklich so! Petrus Merlin. Er ist Holländer, lebt aber in Spanien auf einer einsamen Finca und Tante Heidi ist letztes Jahr zu ihm gezogen. Sosehr ich sie auch vermisse, verdenken kann ich es ihr nicht. Nach elf Jahren mit meinem Vater würde sich wahrscheinlich jede Frau auf eine einsame Finca wünschen.
    Wir haben es dann mit verschiedenen Haushälterinnen versuch t – die nervenstärkste hat drei Wochen durchgehalten. Tja, und seitdem bin ich derjenige, der auf Papa aufpasst und den ganzen Haushalt schmeißen muss. Okay, das klingt jetzt härter, als es ist, einmal die Woche kommt eine Putzfrau für die gröbsten Sachen, aber nervig ist es trotzdem manchmal. Einkaufen, Wäsche waschen, Kochen, Bügeln und was weiß ich noch alles, es gibt immer etwas zu erledigen, keine Ahnung, wie ich das überhaupt schaffe. So gesehen hat mein Vater Riesenglück, dass ich ein hässlicher Loser bin und kaum Freunde habe, die mir meine Zeit mit solch unwichtigen

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