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Nathan der Weise

Nathan der Weise

Titel: Nathan der Weise
Autoren: Gotthold Ephraim Lessing
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1779.

    PERSONEN

    SULTAN SALADIN
    SITTAH dessen
    Schwester
    NATHAN
    ein reicher Jude in Jerusalem
    RECHA
    dessen angenommene Tochter
    DAJA
    eine Christin, aber in dem Hause

    des Juden, als Gesellschafterin der Recha
    EIN JUNGER TEMPELHERR
    EIN DERWISCH
    DER PATRIARCH VON JERUSALEM
    EIN KLOSTERBRUDER
    EIN EMIR
    nebst verschiednen Mamelucken des Saladin

    Die Szene ist in Jerusalem

    1

    ERSTER
    AUFZUG

    ERSTER
    AUFTRITT

    (Szene: Flur in Nathans Hause.)

    Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.

    DAJA.
    Er ist es! Nathan! - Gott sei ewig Dank,

    Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt.
    NATHAN.
    Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?

    Hab ich denn eher wiederkommen wollen?

    Und wiederkommen können? Babylon

    Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,

    Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin

    Genötigt worden, gut zweihundert Meilen;

    Und Schulden einkassieren, ist gewiß

    Auch kein Geschäft, das merklich födert, das

    So von der Hand sich schlagen läßt.
    DAJA. O
    Nathan,

    Wie elend, elend hättet Ihr indes

    Hier werden können! Euer Haus …
    NATHAN. Das
    brannte.

    So hab ich schon vernommen. - Gebe Gott,

    Daß ich nur alles schon vernommen habe!
    DAJA.
    Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt.
    NATHAN.
    Dann, Daja, hätten wir ein neues uns

    Gebaut; und ein bequemeres.
    DAJA.
    Schon wahr! -

    Doch Recha wär’ bei einem Haare mit
    Verbrannt.
    NATHAN.
    Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? -

    Das hab ich nicht gehört. - Nun dann! So hätte

    Ich keines Hauses mehr bedurft. - Verbrannt

    Bei einem Haare! - Ha! sie ist es wohl!

    Ist wirklich wohl verbrannt! - Sag nur heraus!

    Heraus nur! - Töte mich: und martre mich

    Nicht länger. - Ja, sie ist verbrannt.
    DAJA. Wenn
    sie

    Es wäre, würdet Ihr von mir es hören?
    NATHAN.
    Warum erschreckest du mich denn? - O Recha!

    O meine Recha!
    DAJA.
    Eure? Eure Recha?
    NATHAN.
    Wenn ich mich wieder je entwöhnen müßte,

    Dies Kind mein Kind zu nennen!
    DAJA.
    Nennt Ihr alles,

    Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte

    2
    Das
    Eure?
    NATHAN.
    Nichts mit größerm! Alles, was

    Ich sonst besitze, hat Natur und Glück

    Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein

    Dank ich der Tugend.
    DAJA.
    O wie teuer laßt

    Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen!

    Wenn Güt’, in solcher Absicht ausgeübt,

    Noch Güte heißen kann!
    NATHAN. In
    solcher
    Absicht?
    In
    welcher?
    DAJA. Mein
    Gewissen
    …
    NATHAN. Daja,
    laß

    Vor allen Dingen dir erzählen …
    DAJA. Mein

    Gewissen, sag ich …
    NATHAN. Was
    in
    Babylon

    Für einen schönen Stoff ich dir gekauft.

    So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe

    Für Recha selbst kaum einen schönern mit.
    DAJA.
    Was hilft’s? Denn mein Gewissen, muß ich Euch

    Nur sagen, läßt sich länger nicht betäuben.
    NATHAN.
    Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,

    Wie Ring und Kette dir gefallen werden,

    Die in Damaskus ich dir ausgesucht:

    Verlanget mich zu sehn.
    DAJA.
    So seid Ihr nun!

    Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!
    NATHAN.
    Nimm du so gern, als ich dir geb: - und schweig!
    DAJA.
    Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, daß Ihr nicht

    Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid?

    Und doch …
    NATHAN.
    Doch bin ich nur ein Jude. - Gelt,

    Das willst du sagen?
    DAJA.
    Was ich sagen will,

    Das wißt Ihr besser.
    NATHAN. Nun
    so
    schweig!
    DAJA. Ich
    schweige.

    Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht,

    Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann, -

    Nicht kann, - komm’ über Euch!
    NATHAN.
    Komm’ über mich! -

    Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? - Daja,

    Wenn du mich hintergehst! - Weiß sie es denn,

    Daß ich gekommen bin?
    DAJA.
    Das frag ich Euch!

    Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.

    Noch malet Feuer ihre Phantasie

    3

    Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,

    Im Wachen schläft ihr Geist: bald weniger

    Als Tier, bald mehr als Engel.
    NATHAN. Armes
    Kind!

    Was sind wir Menschen!
    DAJA. Diesen
    Morgen
    lag

    Sie lange mit verschloßnem Aug’, und war

    Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: »Horch! horch!

    Da kommen die Kamele meines Vaters!

    Horch! seine sanfte Stimme selbst!« - Indem

    Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,

    Dem seines Armes Stütze sich entzog,

    Stürzt auf das Kissen. - Ich, zur Pfort’ hinaus!

    Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich! -

    Was Wunder! ihre ganze Seele war

    Die Zeit her nur bei Euch - und ihm. -
    NATHAN. Bei
    ihm?

    Bei welchem Ihm?
    DAJA.
    Bei ihm, der aus dem

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