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Blutsvermächtnis (German Edition)

Blutsvermächtnis (German Edition)

Titel: Blutsvermächtnis (German Edition)
Autoren: Kathy Felsing
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Tal des Todes – Atacamawüste, Chile, Gegenwart
    M anchmal, in seltenen und besonderen Momenten, gestattete Nevaeh Morrison sich Fantasien. Nicht zu verwechseln mit Träumereien, und das Wort T…m hatte sie ohnehin komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen.
    In wenigen Minuten erwartete sie den Jogger, der seit dem Aufbau des Camps vor einer Woche jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang an ihr vorbeilief. Nur ein paar Dutzend Yard entfernt. Die Luft war noch voller Frische von der Nacht. So wie er.
    Perfekt geformte Muskeln tanzten unter gebräunter Haut im Rhythmus seiner Schritte. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Panthers, und ebenso schwarz glänzte sein Haar im Sonnenlicht. Im Nacken wippte ein Zopf, mit dem er seine Mähne bändigte. Er musste ein Hüne sein, wenn sie berücksichtigte, bis zu welcher Höhe der Sedimentschichten in der Felswand sein Kopf aufragte. Sie lächelte. Gleich heute Nachmittag würde sie sich unauffällig davonstehlen, um Gesteinsproben zu nehmen und abzumessen, wie groß er tatsächlich sein mochte. Sie glaubte, dass er sie um fast eine Kopflänge überragen musste, obgleich sie größer war als der Durchschnitt der Kalifornierinnen. Ein Zweimetermann wie aus dem Bilderbuch. Wenn das kein Anlass für Fantasien war.
    Nevaeh zog sich den Strohhut tiefer in die Stirn. Beachtete er sie heute wieder? Warf er ihr einen neugierigen Blick zu, um sich seinerseits zu vergewissern, dass sie seinen Lauf verfolgte? Gestern hatte sie sich heftig verschluckt, als er ihr zuwinkte – und das, obwohl sie die felsenfeste Überzeugung vertrat, dass sie ihn nicht neugierig und schon gar nicht offensichtlich gemustert hatte.
    Höchstens von hinten.
    Gott, ein herrliches Gefühl. Wie in Teenager-Tagen.
    Zu gern hätte sie gewusst, woher der Mann kam. Der Standort ihrer Expedition lag meilenweit von der nächsten Ansiedlung in der Atacamawüste entfernt. Sie vermutete einen Abenteurer im Campingurlaub. Andererseits wirkte er wie ein Urgestein der Wüste, als gäbe es keinen anderen Platz auf der Welt, wohin er gehörte. Er fügte sich vollkommen natürlich in die Landschaft ein.
    Nevaeh linste auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten über der Zeit. „Keine Fitness heute, Baby?“ Wie gut, dass ihr Zelt weit genug von den anderen Expeditionsteilnehmern entfernt auf einem kleinen Plateau stand und niemand sie hörte. Und Dad sowie zwei weitere Wissenschaftler waren bereits vor Sonnenaufgang zu der Grabungsstätte aufgebrochen, um Absteckungen vorzunehmen.
    Immer wieder schirmte Nevaeh die Augen ab und ließ den Blick umherschweifen. Eine halbe Stunde später gab sie die Hoffnung auf, dass ihr Jogger noch auftauchen würde. Ihre Laune sank. Wie gern hätte sie sich auch heute die Zeit gegönnt, sich an eine Felswand gelehnt mit geschlossenen Augen ihrer Fantasie hinzugeben. Bis die Sonne den Flecken Schatten eroberte und sie zu ihrer Staffelei und ihrer Arbeit flüchten ließ. Jetzt nahm sie diese nur missmutig auf.
    Als die Mittagsglut unerträglich wurde, war die Sehnsucht nach dem Jogger längst der Besorgnis um ihren Vater gewichen. Er hatte versprochen, weit vor dem Essen zurück zu sein. Mittlerweile krochen nicht nur die Stunden, sondern selbst die Minuten dahin und immer häufiger betrachtete Nevaeh den Sonnenstand, dabei war es lächerlich. Genauso gut hätte sie auf die Uhr schauen können. Verflixt! Dad müsste schon lange zurück sein. Unruhe rumorte in ihrem Magen.
    Wie viel sorgenfreier hätte sie es haben können, hätte sie auf Dad gehört und wäre in Los Angeles geblieben. Dort hätte sie nicht vergeblich der albernen Versuchung widerstehen müssen, einen unschuldigen Bleistift wie einen Dartpfeil in den Sand zu schmettern. Nun erhob sich ein knochiger Finger einem Omen gleich in schnurgerader Drohgebärde aus seinem Grab und zwang sie, gegen lästigen Aberglauben anzukämpfen.
    Zum wiederholten Mal richtete sie das Augenmerk von der Anhöhe über die kleine Zeltstadt hinweg auf den Horizont, suchte nach dem Geländewagen ihres Vaters und fand nichts als bizarre, gleichmütig in den Himmel wachsende Felsformationen, die ihrer Besorgnis zu spotten schienen.
    Sie trat dichter an das mannshohe Zelt heran. Es spendete nur unzureichenden Schatten. Die kupferrote Sandwüste kochte, die Atmosphäre flirrte. Nevaeh hob ihr Haar im Nacken an und wünschte, jemand würde Schneeflocken auf ihren Hals pusten, doch keine kühle Brise mochte die Luft durchschneiden. Mensch und Tier hielten wie der

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