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Auge des Mondes

Titel: Auge des Mondes
Autoren: Brigitte Riebe
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zerstreuten, als würden sie am liebsten weiterhin Schulter an Schulter beisammenstehen und atemlos alles in sich aufsaugen. Dann überfiel auch Mina Müdigkeit, der Beginn einer großen Ruhe, die langsam durch ihren Körper rieselte. Diese Schlacht war erfolgreich geschlagen. Jetzt galt es durchzuatmen, bevor sie sich für die nächste rüstete.
    Das waren die guten Momente, die sich bis in ihre Träume stahlen, doch gelegentlich ging es auch weniger erfreulich zu. So auch heute, nachdem schon der Tagesanbruch so unerträglich schwül gewesen war, als hätten die Tränen der Isis bereits den großen Fluss steigen lassen. Dabei waren es noch gute drei Wochen bis zum Neujahrsfest, wo mit achet die Jahreszeit der Überschwemmung einsetzen würde und die Bauern ihre Feldarbeit beenden mussten, um nicht in den Fluten des Nils zu ertrinken. An den Ufern traf man gerade die letzten Vorbereitungen: Dämme wurden verstärkt, Bewässerungsgräben gereinigt, neue Auffangbecken ausgehoben. Allerdings war bislang die erfrischende Brise ausgeblieben, die Mensch und Tier sonst bei der Arbeit friedlich stimmte.
    Stattdessen machte die drückende Feuchte heute alle mürrisch und gereizt, wozu auch noch das schrille Katzengeschrei beitrug, das von der nah gelegenen Tempelanlage herüberdrang. Es mussten Aberdutzende sein, die sich dort auf engem Raum empörten, so zumindest hörte es sich an. Wieso führten sie sich so auf, wo doch ohnehin alles nach ihrem Willen lief?
    Schon den Kleinsten in Per-Bastet war geläufig, wie sehr die Tempelkatzen als geliebte Kreaturen der Bastet von der Priesterschaft verwöhnt und verhätschelt wurden. Sie tränkten und fütterten sie verschwenderisch, bürsteten und streichelten sie und begruben sie sogar mit ihrem Lieblingsspielzeug, während draußen in den Gassen der Stadt Menschen verhungerten, um die man sich sehr viel weniger scherte.
    Minas frühere Zuneigung zu diesen geschmeidigen Fellwesen war seit einiger Zeit verflogen, genau genommen, seit die Göttin ihr so hartnäckig die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches verweigert hatte. Seitdem waren ihr Katzen gleichgültig geworden, manchmal sogar lästig, und mehr und mehr überkam sie das beklemmende Gefühl, als würden sie sich buchstäblich über Nacht vermehren.
    Sie zog die Stirn kraus, hob ihre Stimme um eine Nuance, was die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlte, war aber noch immer nicht zufrieden. Sie hatte sich für Lüge und Wahrheit entschieden, was sie freilich schon nach den ersten Sätzen bereute, denn der Funke wollte heute nicht recht zünden. Doch jetzt war es zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Für Liebesgeschichten war sie wahrlich nicht in Stimmung, und die wundervollen alten Verse über Isis und Osiris, die sie so liebte, waren für sie schon lange tabu. Weshalb diese Kostbarkeiten an Leute verschwenden, die sich bereitwillig unter der Perserherrschaft duckten, als sei Kemet nicht einst ein freies, stolzes Reich gewesen?
    Es kostete Kraft, jetzt nicht einfach mittendrin aufzuhören, obwohl sie spürte, wie entfernt sie heute von ihrer sonstigen Meisterschaft war. Vielleicht lag es ja an dem Fremden, der mittendrin aufgetaucht war und jetzt ganz selbstverständlich zwischen all den Frauen stand, bewegungslos, als seien seine Füße im Boden verwurzelt. Selten genug, dass sie hier auf dem Markt einen Mann unter ihrer Zuhörerschaft hatte, und einer wie er war ihr bislang noch gar nicht untergekommen.
    Er gehörte, das hatte sie auf den ersten Blick erkannt, zu den verhassten Persern, die hier in Per-Bastet immer zahlreicher wurden, seit Darius sich zum Pharao über das Schwarze Land aufgeschwungen hatte. Mittelgroß und kräftig, trug er nicht den üblichen Schurz wie jeder vernünftige Einheimische, sondern trotz der Schwüle ein bodenlanges, blaues Gewand mit breiten Borten an Kragen und Saum. Seine männlichen Gesichtszüge waren bartlos, was für einen Perser außergewöhnlich war. Eine markante Nase, die ihm gut stand, dichtes, nackenlanges Haar, leicht gelockt, bei dem das Silber bereits den Kampf gegen ein mattes Braun gewonnen hatte. Die feingliedrigen Hände hielt er ineinander gefaltet, geschmückt von einem auffallenden Ring mit einem silbergefassten Lapislazuli. Seine Augen konnte sie nicht sehen, weil er den Blick hartnäckig gesenkt hielt. Um seine Mundwinkel aber spielte wie ein ständiger Schatten ein kleines Lächeln, das Mina fast in den Wahnsinn trieb.
    Lachte er sie aus? Oder grinste er
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