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Auf keinen Fall Liebe

Auf keinen Fall Liebe

Titel: Auf keinen Fall Liebe
Autoren: Marina Schuster
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1
    D ie Sonne stand schon tief, als das silbergraue Mercedescoupé die Ortseinfahrt von St. Albury passierte. Langsam fuhr Faith Havering die Hauptstraße entlang und stellte auf den ersten Blick fest, dass sich nichts verändert hatte. Vor sechs Jahren war sie das letzte Mal hier gewesen, und alles sah noch genauso aus wie früher.
    Wohnhäuser im viktorianischen Stil wechselten sich mit den in Cornwall üblichen Cottages ab, dazwischen gab es kleine Geschäfte, eine Apotheke, eine Bank und natürlich den Pub.
    In der Mitte des Dorfes lag die Kirche, direkt gegenüber das Rathaus, vor dem wie eh und je der Brunnen mit der Statue des Schutzheiligen von St. Albury plätscherte. Lächelnd dachte sie daran, wie sie als Kinder immer darin herumgeplantscht hatten, und sich im Teenageralter dort abends mit Freunden verabredet hatten.
    Wenige Minuten später hatte sie den Ortskern durchquert und hielt vor einer großen, alten Villa, die sich am Ende einer kleinen Seitenstraße befand.
    Faith stellte den Motor ab und mit einem leichten Druck im Magen ließ sie ihren Blick über die Fassade des Gebäudes gleiten.
    Auch hier hatte sich nichts verändert. Wie früher blätterte die Farbe von den Wänden, die Fensterläden vor den Scheiben hingen schief in den Angeln, die Stützbalken der umlaufenden Veranda wirkten morsch.
    Mit einem leisen Seufzer stieg sie aus und ging zögernd auf den Eingang zu.
    »Elliot Havering, M.D.« stand auf dem kleinen Messingschild neben der Türglocke.
    Faith schluckte, fuhr wehmütig mit den Fingerspitzen über das kühle, blankpolierte Metall.
    Rasch schob sie die aufsteigenden Erinnerungen beiseite und drückte zaghaft den Türgriff herunter.
    Die schwere Holztür mit der bunten Bleiglasscheibe schwang auf, der vertraute Geruch von Bohnerwachs und Desinfektionsmitteln schlug ihr entgegen.
    Langsam betrat sie den großräumigen Flur mit den langen Bänken an den Wänden. Im Haus war es vollkommen still, es schien niemand da zu sein.
    »Tante Polly? Tante Molly?«, rief sie unsicher, während sie den Kopf in die Küche steckte.
    Alles war ordentlich und sauber, auf dem großen Esstisch stand eine Schale mit Schokoladencookies, die einen herrlich aromatischen Duft verströmten.
    Faith lächelte. Es hatte sich wirklich nichts verändert; nach all den Jahren wussten ihre Tanten immer noch ganz genau, wie sehr sie diese Plätzchen liebte.
    Bestimmt würden die beiden gleich auftauchen, sie konnten nicht weit sein, sonst hätten sie die Haustür verschlossen.
    Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. Sie überquerte den Flur, öffnete zaghaft die Tür zum Untersuchungszimmer. Der Raum lag im Halbdunkel. Durch die zur Hälfte heruntergelassene Jalousie des großen Fensters fiel ein breiter Streifen Sonnenlicht herein, in dessen Strahl Abertausende von winzigen Staubkörnchen tanzten.
    Auf wackeligen Beinen machte sie ein paar Schritte vorwärts.
    Erneut prasselten die Erinnerungen auf sie ein. Sie sah ihren Vater am Schreibtisch sitzen, den zerknitterten, weißen Arztkittel nachlässig zugeknöpft, die Lesebrille mit dem Goldrand auf der Nasenspitze, den Kopf über eine Patientenakte gebeugt.
    Tränen stiegen ihr in die Augen, blinzelnd starrte sie auf den Stuhl mit dem abgeschrammten, grünen Lederbezug.
    »Die Praxis ist geschlossen«, hörte sie im gleichen Augenblick eine tiefe Stimme hinter sich.
    Erschrocken fuhr sie herum, wischte sich hastig mit dem Handrücken die Feuchtigkeit von der Wange.
    »Das ist mir bekannt«, erwiderte sie kühl, während sie den Mann musterte, der in der Tür stand.
    Ein Paar lange Beine und schmale Hüften, die in einer ausgeblichenen Jeans steckten. Eine dunkelblaue Sweatjacke, darunter ein weißes Polohemd, das sich über einem muskulösen Brustkorb und ebenso kräftigen Schultern spannte.
    Dunkles, kurzgeschnittenes Haar, eine kleine, widerspenstige Haarlocke, die ihm in die Stirn fiel. Ein energisches Kinn, sinnlich wirkende Lippen, ungewöhnlich hellgraue Augen, die sie aufmerksam und abschätzend taxierten.
    Obwohl sie ein gutes Stück voneinander entfernt standen, nahm sie deutlich seine maskuline Ausstrahlung wahr, die Ausstrahlung eines Mannes, der genau wusste, welche Wirkung er auf Frauen hatte. Unwillkürlich hielt sie die Luft an.
    »Dr. Edwards im West Cornwall Hospital in Penzance betreut im Moment die Patienten von Dr. Havering«, erklärte er, nachdem er eine Weile äußerst selbstsicher ihrem Blick begegnet war. »Oder handelt es sich um einen

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