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Analog 06

Analog 06

Titel: Analog 06
Autoren: Hans Joachim Alpers , Hans Joachim (Hrsg.) Alpers
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Jerry Craven
 
Der Jäger
 
    Dodd Crowell hatte eine frische Leiche gerochen, daher war er nicht überrascht, als er den Körper fand. Er stutzte jedoch, als er feststellte, daß der Kopf des Mannes verschwunden war. Man hatte ihn mit chirurgischer Präzision abgetrennt; weder auf dem Boden noch in dem Leichnam war ein Tropfen Blut zurückgeblieben.
    Crowell umkreiste die Überreste des Indianers, der einen blauen Schurz trug. Aus den Spuren versuchte er, die Vorgehensweise des Killers zu rekonstruieren. Vermutlich hatte der Indianer auf dem Mangobaum gehockt, um Vögeln aufzulauern. Crowell bemerkte den langen Bogen und den Pfeil mit einer Spitze aus einer Geweihsprosse – diese Pfeile wurden nur bei der Jagd auf Vögel verwendet. Jemand hatte den Indianer in einem Augenblick getötet, und sein Körper war an der Stelle auf den Boden gefallen, wo er jetzt noch lag. Das zeigten die Abdrücke unter dem Baum. Zwei Leute hatten den Kopf abgeschnitten und das Blut abgezapft – zwei Personen mit ungewöhnlich kleinen Füßen. „Hexenanbeter“, sagte Crowell angeekelt.
    Er hatte schon von einigen ähnlichen Vorfällen gelesen, nur daß es sich dabei um die Verstümmelung von Rindern im westlichen Teil der Vereinigten Staaten gehandelt hatte. Soweit er sich erinnerte, hatte man unterschiedliche Teile der Rinder sauber abgetrennt und ihnen alles Blut entnommen.
    Obwohl niemand genau sagen konnte, wer die Rinder geschlachtet hatte und warum, war sich Crowell sicher, daß es sich um die Taten einer irren Sekte gehandelt hatte, um eine Gruppe von Leuten, die so wohlhabend war, daß sie über Hubschrauber verfügte, und so diskret, daß sie nur in entlegenen Gegenden zuschlug, wo sie sicher sein konnte, nicht überrascht zu werden. Diesmal hatte sie sich einen Indianer im Orinokobecken ausgesucht.
    Crowell verfluchte die Überbevölkerung auf dem Planeten, die ihn zwang, weite Entfernungen zurückzulegen, um in ein gutes Jagdgebiet zu gelangen, um eine Gegend zu finden, die noch nicht von der Zivilisation zerstört war. Und jetzt das hier, dachte er, und neuer Ekel über die Wahnsinnssekte erfüllte ihn. Die beiden Mörder des Indianers waren offensichtlich Frauen, wenn man von der Größe ihrer Fußabdrücke ausging. Es ärgerte ihn, daß Menschen – ja, schlimmer noch, Frauen – so leicht an diesen entlegenen Fleck gelangen konnten, um dort die Ruhe der Wildnis zu stören.
    Crowell untersuchte den Körper, um einen Hinweis auf die Art der Mordwaffe zu finden, aber er konnte nichts feststellen. Bis auf ein winziges, rundes Loch in einem Unterschenkel war die Leiche unversehrt. Entweder hatte man ihn in den Kopf geschossen oder einen Narkosepfeil benutzt, entschied Crowell.
    Er zog den Leichnam tief ins Gebüsch, damit Brooks nicht zufällig darüber stolperte. In den letzten Jahren hatte Brooks sich verändert, und Crowell betrachtete ihn mit einiger Geringschätzung, auch wenn er ihn noch seinen Freund nannte. Zweifellos würde Brooks den Vorfall gleich den Behörden melden wollen, und damit würde er nur erreichen, daß die Jagdpartie restlos verdorben war.
    Wegen der Möglichkeit, daß die Täter zurückkehren könnten, fertigte Crowell eine einfache Falle an: Er befestigte eine Nylonschlinge an einer niedergebogenen Guave direkt neben der Stelle im Unterholz, wo er den Leichnam verborgen hatte. Wenn jemand sich in der Nähe der Leiche zu schaffen machte, würde er, zur Strafe für seine Neugier, mit den Füßen voran von der Guave in die Luft gerissen werden. Er deckte die Schlinge mit Ranken und Blättern zu.
    Als Crowell zum Flugzeug zurückkehrte, stellte er fest, daß Ramôn Nunez, sein Pilot und Führer, inzwischen die Zelte aufgebaut hatte und nun damit beschäftigt war, etwas am Flugzeug zu reparieren. Brooks stand am Rand des Lagers, wo die Savanne auf den Uferdschungel stieß. Sicher untersucht er wieder eine lächerliche Blume, dachte Crowell. Es war einfach nicht mehr so wie in den alten Tagen, als Eldon Ray Brooks noch ein Jäger war, der es fast mit ihm selber aufnehmen konnte. Brooks hatte sie beide mit seinen Büchern über die Jagd berühmt gemacht. Doch dann hatte er sich in ein Seelchen von einem Liberalen verwandelt, das Jagen hatte er aufgegeben, und Bücher schrieb er nur noch über so trockenes Zeug wie Sprachen und diese albernen, tropischen Blumen. Professor Brooks, dachte Crowell bitter, Linguist und Experte für Gänseblümchen. Crowell hatte gedacht, daß er ihn umkrempeln könnte, wenn er

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