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Agenten lieben gefährlichen

Agenten lieben gefährlichen

Titel: Agenten lieben gefährlichen
Autoren: Heinz G. Konsalik
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Erstes Kapitel
    Alexander Jesus Guapa war schwarz wie die Sünde und Mädchen für alles. Es gab nichts, was er nicht besorgen konnte, das Unmöglichste war bei ihm selbstverständlich, und wenn es sein mußte, stahl er alles zusammen, was sein Herr brauchte, und präsentierte es dann mit breitem, glücklichem Lächeln. Aber heute, an diesem feuchtheißen Tag, wo der Urwald dampfte und die Sonne wie ein Ei in fader Milchsuppe schwamm, war selbst er verzweifelt.
    »Es ist wie verhext, Señorita!« rief er und rang die Hände. »Das Gepäck ist verladen, das Boot kann fahren, aber wie ich gerade kontrolliere und die Kisten durchzähle, fehlt wieder eine. Die dritte, Señorita! Jetzt ist es die mit dem Küchenzelt. Hier muß jemand sein, der stiehlt wie ein Affe!« Er rollte wild mit den Augen, ballte die Fäuste und stieß einen Laut aus, der wie das Nachgrollen einer Baumtrommel klang.
    Dr. Ellen Donhoven lächelte nachsichtig. »Zähl noch einmal nach, Alexander Jesus«, sagte sie. »Am besten bis zehn – dann fängst du wieder von vorne an!«
    Guapa wackelte mit der Nase und lief beleidigt zurück zum Landesteg.
    Der große tägliche Regen war über Tefé herniedergerauscht, und nun brannte die Sonne wieder über dem wassersatten Land mit seinen riesigen Flüssen und unermeßlichen Wäldern. Tefé ist eine Urwaldstadt am Amazonas, direkt am großen Strom gelegen, neben einem See, aus dem der Rio Tefé in die unbekannte Weite nach Süden fließt. Hier gibt es keine Straßen oder Pfade mehr, keine Siedlungen am Fluß, nicht einmal die elenden Hütten der Orchideenjäger oder Diamantensucher oder die Zelte der Glücksritter, die hinein in den Amazonas-Urwald ziehen und hoffen, auf irgend etwas zu stoßen, das ihr Leben verändert und sie reich werden läßt. Meistens enden sie unter den Giftpfeilen der Indianer, werden von Menschen erschlagen, deren Namen keiner kennt, die noch kein Weißer gesehen hat, zu denen noch kein Missionar gezogen ist und über die man nur durch andere Eingeborene erfährt, daß ihre Sitten grausam sind, ihr Pfeilgift unbedingt tödlich und ihr Haß gegen alle Eindringlinge so grenzenlos ist wie die Wälder und Flüsse.
    Das ist das Land südlich des Sees Tefé, das riesige, auf allen Landkarten kahle Stückchen Erde, eine grüne, glühende, dampfende, fieberschwangere, feindliche, verfilzte, faulende, blühende Hölle. Ein Meer wogender Baumgipfel. Flüsse mit Alligatoren und dem Mörderfisch Piranha, lianenüberwucherte Ufer mit Schlangen, Seen und Tümpeln, an denen der Tod in Gestalt riesiger giftiger Spinnen lauert. Eine wirkliche Hölle auf Erden – und doch ein Land, das den Menschen immer wieder anzieht, das ihn hineinlockt in diese grüne Grenzenlosigkeit, erfüllt von dem Drang, seinen Geheimnissen nachzuspüren.
    Dr. Ellen Donhoven war ein sportliches, schlankes Mädchen, mit kurzgeschnittenen blonden Haaren und einem schmalen, hübschen, aber energischen Gesicht. Ihre blauen Augen konnten verträumt blicken, aber ebenso plötzlich und unerwartet ganz gefährlich blitzen. Sie saß auf der Veranda des einzigen ›Hotels‹ von Tefé, einem elenden Holzbau mit fünf Zimmern, Eisenbetten und schadhaften Moskitonetzen darüber, hatte die Beine, die in hohen Schnürstiefeln steckten, auf die unterste Latte des Geländers gelegt und die Bluse ihres gelbgrünen Urwaldanzuges am Hals geöffnet.
    Neben ihr saß Dr. Rudolf Forster und trank lauwarmes, englisches Büchsenbier.
    Dr. Forster hatte eine ausgesprochen männliche Ausstrahlung. Groß, breitschultrig, mit schmalen Hüften, einem markanten, scharfgeschnittenen Gesicht und grauen Augen, war er zehn Tage lang zum Mittelpunkt für alle Frauen und Mädchen von Manaus geworden, seit er vor drei Wochen aus Deutschland herübergekommen war. Ellen hatte ihn auf dem Flugplatz der großen Urwaldstadt empfangen und gleich zur Begrüßung geseufzt: »Rudolf, Sie sind ein schrecklicher Mensch. Nun kommen Sie mir auch noch in den Urwald nach! Was wollen Sie hier?«
    »Das wissen Sie, Ellen«, hatte Dr. Forster geantwortet. »Vielleicht bin ich ein unheilbarer Idiot – aber welcher verliebte Mann ist das nicht? Nein, nein, ich will nicht schon wieder anfangen! Keine Angst, Ellen. Kein Wort von Liebe, aber Sie glauben doch wohl nicht, daß ich Sie allein in die Grüne Hölle ziehen lasse? Wenn dieser Irrsinn schon geschehen soll, dann doppelt!«
    »Und wer finanziert Ihr Unternehmen?«
    »Ihr Vater.« Dr. Forster lächelte. »Ihm ist ein ganzes

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