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231 - Der Preis des Verrats

231 - Der Preis des Verrats

Titel: 231 - Der Preis des Verrats
Autoren: Mia Zorn
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Jagdmesser glänzte mit seinen Augen um die Wette.
    Als ihre Füße den Rücken des Rochens berührten, sprang das Fischwesen wieder auf die Beine. Aber es machte nicht die geringsten Anstalten zu fliehen, starrte die Schlächter nur merkwürdig an.
    »Los, verschwinde! Sonst hole ich doch noch mein Netz!« Der Steuermann schlug mit seinem Dreizack nach ihm.
    Die seltsame Kreatur wich ihm aus und zog seine wulstigen Lippen auseinander. Zwei Reihen kleiner spitzer Zähne kamen zum Vorschein. Blitzschnell ging es in die Hocke und trommelte mit seinen verkrüppelten Fingern auf die dunkle Haut des Rochenrückens.
    Fast im selben Augenblick kam Leben in den vermeintlich toten Riesenfisch. Er wedelte zweimal mit seinen Flügelflossen und sämtliche Männer auf seinem Rücken gingen zu Boden. Ein mächtiger Schädel stob aus dem Wasser. Seitlich an ihm stierten hellblaue Augen zum Deck des Schiffes empor. Gleichzeitig schwang der Rochen seinen Schwanz und fegte drei der Matrosen von der Reling. »Er lebt noch! Dieses verdammte Viech lebt!«, brüllte der Erste Harpunist.
    Währenddessen versuchte Thin Skin Halt auf dem Rücken des bebenden Kolosses zu finden. Verzweifelt krallte er sich an einer zerklüfteten Hautöffnung des Rochens fest. »Schießt! So schießt doch!«, hörte er seinen Vater brüllen. Thin Skin hob den Kopf. An der Reling drängten sich die Matrosen. Ihre Waffen im Anschlag, glotzten sie wie paralysiert nach unten. Nur sein Vater nicht. Der riss dem verdutzten Ersten Harpunisten die Waffe aus der Hand. Doch er kam nicht dazu, die Harpune zu schleudern.
    Unter Thin Skin begann der Rochen einen Veitstanz im Netz. Hoch über ihm knarrten die Trossen, quietschten die Winden, und der Galgen des Schiffes bog sich in Richtung Wasser. Der Sohn des Kapitäns sah, wie der Steuermann vom Rochenrücken ins Meer rutschte. Schreiend versuchte der Mann zum Schiff zu gelangen. Doch das Ungetüm war schneller als er. Sein Riesenschädel schnellte aus dem Wasser. Sekunden später hatte er den Fliehenden unter sich begraben.
    Der Junge keuchte. Er war der Letzte auf dem Rochenrücken – der letzte Mensch: Von den anderen drei Kameraden keine Spur! Vom Trawler hörte er verzweifelte Stimmen. »Kappt die Seile!«, brüllten die einen. »Tötet das Monster!«, die anderen.
    Harpunen jagten heran. Ihre Widerhaken glänzten in der aufgehenden Sonne.
    Dann verlor auch Thin Skin seinen Halt.
    Er rutschte zur Seite weg. Flog einige Meter durch die Luft. Prallte schließlich gegen einen festen Widerstand. Als er aufblickte, sah er direkt in das Fratze des Fischgeschöpfs: Es lächelte böse. Noch während der Junge nach seinem Jagdmesser tastete, wurde er von dem Wesen am Schopf hochgerissen. Wie Schraubstöcke schlangen sich die Gliedmaßen der unheimlichen Kreatur um Thin Skins Leib. So gefesselt, riss ihn das Geschöpf mit sich ins Wasser. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit bewegten sie sich durch die kalten brodelnden Fluten. Weg von dem Riesenrochen. Weg von der Beauty Skin.
    Als sie wieder auftauchten, rang Thin Skin hustend und spuckend nach Luft. In der Ferne glaubte er die Stimme seines Vaters zu hören. »Gib mir meinen Sohn zurück!«, brüllte sie. »Gib ihn mir zurück!« Er sah eine Gestalt auf die Reling klettern und über Bord springen. Doch der Trawler war zu weit entfernt, um erkennen zu können, ob es sein Vater war.
    Vor der Beauty Skin bäumte sich der mächtige Leib des Rochens aus dem Wasser. Wie eine riesige Schiffsschraube wickelte er sich in das Schleppnetz. Dann tauchte er ab und riss Mann und Schiff mit sich in die Tiefe.
    ***
    22. Oktober 2524, Appalachen
    Ein Steinadler glitt über die letzten Baumwipfel, die ihn noch von den Bergrücken der Appalachen trennten. Ein lebloser Pelzkrabbler hing in seinem gebogenen Schnabel. Der Greifvogel hatte es eilig, seinen Horst zu erreichen: Dort wartete seine Brut schon ungeduldig auf Futternachschub. Dennoch nahm er sich die Zeit, einige Kreise über der Senke zu ziehen, die hinter einer kleinen Anhöhe lag. Hier hatte der Adler schon mehr als einmal Nackthäuter entdeckt, die ihren Unrat in der Erde vergruben. Den Adler interessierte weniger der Unrat als die kleinen Krabbler, die sich einfanden, um die Abfälle der Nackthäuter wieder auszubuddeln.
    Unter ihm lag die Senke im Schatten des mächtigen Felsenmassivs, das annähernd zwanzig Meter über der Senke aus dem rötlichen Bergrücken ragte: Kein Nackthäuter, kein Krabbler weit und breit! Also gab

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