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0933 - Der erste Erbfolger

0933 - Der erste Erbfolger

Titel: 0933 - Der erste Erbfolger
Autoren: Oliver Fröhlich
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Vor langer Zeit in der Stadt Hysop
    Die Finger des Mannes zitterten, als er den goldenen Becher mit Borlius-Trank auf den Tisch stellte. Hatte er den Sud zu stark angesetzt oder durfte er der Vision glauben, die das Gebräu ihm geschenkt hatte?
    Geschenkt! Im Zusammenhang mit den Bildern, die er gesehen hatte, schien ihn dieses Wort zu verhöhnen! Nein, die Vision stellte kein Geschenk dar, sondern eine geistige Vergewaltigung. Feuerregen, Blut, Leid und Untergang. Eine brennende Welt. Eine verendende Welt!
    Mäßige dich , schalt er sich selbst. Jeder Zukunftsblick, den dir die Götter durch den Borlius-Trank gewähren, ist ein Geschenk! Egal wie grauenvoll er sein mag. Gerade du solltest das wissen, oberster Priester!
    Natürlich wusste er das. Die Götter sandten ihrem höchsten Diener eine Vision nie ohne Grund.
    »Invo?« Die Stimme ließ ihn zusammenzucken. Sie stammte von Jesof Treul, dem Tempelburschen. Ein netter Kerl, herzlich, aufrichtig, stets gut gelaunt, auch wenn die gute Laune meist mit einem anstrengenden Schwall an Worten und einem hechelnden Kichern einherging. Es kam Bewegung in den schweren roten Samtvorhang mit den eingeflochtenen goldenen Fäden, der Invos Meditationsraum vom Rest des Tempels trennte. Dann schob sich durch eine Lücke in dem Stoff Jesofs zu klein geratener Leib. »Da bist du ja, Invo. Die letzten Besucher haben den Tempel soeben verlassen. Ich habe das Hauptportal geschlossen, um mich in Ruhe den Reinigungsarbeiten widmen zu könn…« Er schnupperte, grinste den Priester an und kicherte. »Hast du einen Sud angesetzt? Dieser süßliche Geruch der Borlius-Wurzel ist kaum zu verwechseln. Hat er dir eine Vision geschenkt? Kam ich auch darin vor?«
    Jesof zählte fast zwanzig Jahre. Er lebte seit seiner Geburt im Tempel. Seine Mutter, Tempelmagd in Invos Götterhallen, war seit zehn Jahren tot. Sie war ein hübsches Ding gewesen. Mit großen blauen Augen, seidigem Haar und vollen, sinnlichen Lippen, die zum Küssen einluden. Auch Invo hatte ihnen nicht widerstehen können. Wäre es nur beim Küssen geblieben, stünde Jesof jetzt nicht vor ihm. Der Tempelbursche war das Ergebnis einer einzigen Nacht der Schwäche. Noch heute rannen dem Priester Schauder der Wonne über den Rücken, wenn er daran dachte. Dennoch war es für einen Diener der Götter ein unziemliches Verhalten gewesen, von dem niemand wissen durfte. Jesof nicht, Invos Tempelgemeinschaft nicht und seine Familie schon gar nicht. Er liebte seine Frau Ursa, seine Tochter Sennja und seinen Sohn Jurg. Niemals würde er sie dadurch verletzen wollen, dass er ihnen seinen einzigen Moment der Schwäche beichtete und Jesof als illegitimen Sprössling präsentierte.
    Invos Innereien verkrampften sich. Der Gedanke an seine Familie rief ihm zugleich die schreckliche Vision ins Gedächtnis, die er über der Erinnerung an die sinnlichen Lippen einer Tempelmagd für einen gnädigen Augenblick vergessen hatte.
    »Nein, Jesof. Du kamst nicht darin vor.« Invo setzte die Schwankappe ab, eine Kopfbedeckung aus steifem Tuch, die auf der Vorderseite eine schmale, geschwungene Erhebung aufwies und entfernt an einen Schwanenhals erinnerte. Sein langes weißes Gewand mit eingestickten goldenen Verzierungen rauschte, als er an Jesof vorbeieilte. »Tut mir leid, aber ich habe jetzt keine Zeit für dich. Öffne das Portal wieder, wenn du den Tempelraum gereinigt hast. Danach kannst du dich zurückziehen. Heute brauche ich dich nicht mehr.«
    »Sehr wohl.« Jesof Treul war deutlich anzumerken, dass er gerne mehr gesagt hätte, es sich aber verkniff.
    Der Priester hastete am Becken der Weisheit vorbei und verließ den Meditationsraum durch eine große bogenförmige Tür, hinter der breite Steintreppen in seine Privatgemächer führten. Mit fliegenden Schritten eilte er die Stufen hinauf.
    Jedes Klackern seiner Schuhe auf den Stiegen hämmerte die Schreckensbilder der Vision tiefer in sein Gehirn. Er hatte das Ende der Welt gesehen! Nein, vielleicht nicht das der Welt, aber das der Menschheit auf jeden Fall! Es würde noch viel Zeit vergehen, bis die Dämonen über den Planeten herrschten, aber die Grundlagen dafür sollten in den nächsten Stunden gelegt werden! In Hysop, seiner Stadt! Aber er hatte noch mehr gesehen. Ursa, Sennja, Jurg - seine gesamte Familie würde sterben, wenn sie bei ihm blieb.
    »Invo!« Seine Frau Ursa ließ die Gabel fallen, als er in den Speiseraum rumpelte. Auch Sennja und Jurg blickten ihn aus großen, erschrockenen

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