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Zauberschiffe 04 - Die Stunde des Piraten

Titel: Zauberschiffe 04 - Die Stunde des Piraten
Autoren: Robin Hobb
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Hochsommer
1. Die Ringsgold

    Das Knäuel war gewachsen. Maulkin schien das zu freuen und auch mit Stolz zu erfüllen. Shreeva dagegen hatte gemischtere Gefühle. Obwohl die größere Anzahl der Seeschlangen, die mit ihnen reisten, ihnen mehr Schutz verhieß, bedeutete das auch, dass sie ihre Nahrung teilen mussten. Sie hätte sich wohler gefühlt, wenn die anderen Schlangen ebenfalls vernunftbegabt gewesen wären. Aber viele der Kreaturen, die dem Knäuel folgten, waren wilde Geschöpfe, die aus purem Instinkt bei ihnen blieben.
    Während sie zusammen reisten und jagten, beobachtete Maulkin die wilden Schlangen genau. Jede, die auch nur einen Ansatz von Vernunft zeigte, wurde umschlungen, wenn das Knäuel eine Rast einlegte. Gewöhnlich überwältigten Kelaro und Sessurea das auserkorene Opfer, zogen es in die Tiefe und ließen es vergeblich gegen ihr vereintes Gewicht und ihre Kraft ankämpfen, bis es erschöpft war. Dann gesellte sich Maulkin zu ihnen, schüttelte seine Gifte aus der Mähne und schlang seinen Körper durch die komplizierten Knoten seines Erinnerungstanzes. Dabei drängten sie die andere Schlange, sich an ihren Namen zu erinnern. Manchmal gelang es, häufig jedoch auch nicht. Und längst nicht alle von denen, die sich an ihren Namen erinnerten, behielten auch lange das Bewusstsein von ihrer Identität. Einige blieben Bestien oder trieben mit der nächsten Flut in ihre animalischen Verhaltensweisen zurück. Einige wenige aber erholten sich und blieben auch zu höheren Gedanken fähig. Es gab sogar manche, die dem Knäuel mehrere Tage ziellos folgten, bis sie sich plötzlich an ihre Namen und ihre angestammten Verhaltensweisen erinnerten. Die Kerngruppe der Seeschlangen war auf dreiundzwanzig angewachsen, aber mehr als doppelt so viele geisterten hinter ihnen her. Es war ein großes Knäuel. Selbst der großzügigste Versorger konnte sie nicht alle sättigen.
    Bei jeder Ruhepause dachten sie über die Zukunft nach. Maulkins Antworten befriedigten sie nur selten. Er hielt seine Rede so einfach, wie er konnte, dennoch verwirrten seine Worte die anderen Schlangen. Shreeva spürte, wie verwirrt Maulkin selbst über seine Prophezeiungen war, und ihre Herzen schwollen aus Liebe zu ihm an. Manchmal fürchtete sie, dass die anderen sich vor Enttäuschung auf ihn stürzen würden, und sehnte sich beinahe nach der Zeit zurück, in der sie nur zu dritt gewesen waren und Antworten gesucht hatten. Als sie Maulkin das an einem Abend zuflüsterte, wies er sie bestimmt zurecht. »Unsere Spezies schrumpft. Von allen Seiten strömt Verwirrendes auf uns ein. Selbst wenn nur wenige von uns überleben sollen, müssen wir so viele um uns sammeln, wie wir können. Es ist das einfache Gesetz der Fülle. Eine Vielzahl muss wieder geboren werden, damit einige wenige leben können.«
    »Wieder geboren.« Sie sprach die Frage nicht direkt aus.
    »Die Verwandlung von altem Leben in neues Leben. Das ist es, was uns die ganze Zeit ruft. Unsere Zeit als Seeschlangen neigt sich dem Ende zu. Wir müssen die finden, die sich erinnern. Sie werden uns an den Ort führen, an dem wir als neue Kreaturen wieder geboren werden.«
    Bei seinen Worten lief Shreeva ein Schauer über den ganzen Körper, aber sie wusste nicht, ob es Furcht oder Erwartung war. Andere Schlangen waren näher gekommen, um seine Worte zu hören. Ihre Fragen umschwärmten ihn wie die Dickmäuler während einer Flut bei Vollmond.
    »Was für neue Kreaturen?«
    »Wie können wir wieder geboren werden?«
    »Warum geht unsere Zeit zu Ende?«
    »Wer wird sich für uns erinnern?«
    Maulkins große, kupferfarbene Augen drehten sich langsam, und sein langer Körper verfärbte sich wellenförmig. Er musste um seine Erinnerungen kämpfen. Shreeva spürte es und fragte sich, ob es den anderen auch so ging. Er versuchte, über sich hinaus zu greifen, rang nach Wissen und brachte doch nur zusammenhanglose Fragmente an die Oberfläche seines Bewusstseins. Es erschöpfte ihn mehr als eine ganze Tagesreise. Sie spürte auch, dass er über seine unzusammenhängenden Antworten genauso unzufrieden war wie die anderen.
    »Wir werden wieder sein, was wir einst waren. Die Erinnerungen, die ihr nicht versteht, die Träume, die uns Angst einflößen, stammen aus dieser Zeit. Verdrängt sie nicht, wenn sie euch überkommen, sondern denkt darüber nach. Bringt sie ans Licht und teilt sie mit uns allen.« Er hielt kurz inne und sprach dann langsamer weiter. »Unsere Wiedergeburt ist längst

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