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Wo Träume im Wind verwehen

Wo Träume im Wind verwehen

Titel: Wo Träume im Wind verwehen
Autoren: Luanne Rice
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Caroline lächelnd an. Hinter ihnen strich der Wind durch das Schilf. Eine Möwe stieß einen gellenden Schrei aus, während sie über sie hinwegflog. Nach und nach wurde der Strand lebendig. Die Vögel schienen sich an die Anwesenheit der Menschen zu gewöhnen und näherten sich vorsichtig. Die Dämmerung senkte sich auf den Sandstrand herab, das letzte Licht des Tages löste sich im violetten Abendhimmel auf. Caroline hörte einen Zweig knacken und blickte hoch, gerade rechtzeitig, um ein Reh zu entdecken, das auf die Lichtung zukam. Sie dachte an ihren Vater, an seine Liebe zur Natur. Nun hatte er sie schließlich doch noch an ein idyllisches Plätzchen geführt.
    »Warum hat er statt die Botschaft zu schnitzen uns nicht gesagt, dass er uns liebt?«, fragte Skye leise und starrte auf die Worte.
    »Sie war die ganze Zeit hier, direkt vor unserer Nase«, erwiderte Caroline. Woher hatte Homer davon gewusst? War er ihrem Vater gefolgt? Hatte er ihn weinen hören, ihn Whiskey trinken sehen, versucht ihn zu trösten, als er am Firefly Beach entlangstapfte und niederkniete, um seine Botschaft zu schnitzen.
    Augusta nickte. »Das ist nur ein äußeres Symbol, aber …«
    »Symbole sind gut«, warf Clea lächelnd ein.
    »Vor allem, wenn sie das fehlende Teil im Puzzle darstellen«, sagte Caroline.
     
    Es war Zeit zu gehen, Zeit für ein letztes Lebewohl. Sie hatten versprochen zu schreiben und anzurufen, hatten sich geküsst und umarmt.
    Sie waren eine Familie, die zusammenhielt. Es fiel Caroline schwer, loszulassen. In all den Jahren ihres Lebens, die sie auf Firefly Hill verbracht hatte, hatte sie nie den Wunsch verspürt, das Nest für lange Zeit zu verlassen. Vielleicht hatte sie Angst, dass in ihrer Abwesenheit Schüsse fielen, jemand verletzt wurde oder der alte Hund das Zeitliche segnete. Oder die Menschen, die sie liebte, spurlos verschwanden, ohne sie.
    Nun wusste sie, dass ihre Ängste unbegründet waren. Die fehlenden Teile vervollständigen ein Puzzle nicht nur, sie füllen auch die Leere. Carolines Herz war nun angefüllt mit dem Wissen, dass die Liebe ihrer Familie sie auf allen ihren Wegen begleiten würde.
    Sie trat aus dem Haus, Joes Hand haltend. Einen Augenblick lang standen sie reglos da und atmeten tief die salzige Luft und den Duft der letzten Kräuter des Sommers ein. Die Wellen schwappten sanft über den Strand; es war Ebbe. Möwen kreischten weit draußen auf dem Meer, und der Schrei eines vereinzelten Ziegenmelkers drang von einer entfernten Marsch zu ihnen herüber. Sam ging voran.
    Caroline blickte zu den Klippen hinüber, wo das Wrack der
Cambria
auf dem Meeresgrund lag. Sie schloss die Augen und dachte an ihren Vater, der nicht mehr unter ihnen weilte, aber ein wichtiger Teil dieses magischen Abends war. Sie trug Clarissas Kameenbrosche um den Hals, und Joe hatte die Uhr seines Vaters in der Tasche. Der Himmel war mit Sternen übersät, und sie fand einen für Andrew Lockwood. Auf diese Weise begleiteten die Toten sie auf Schritt und Tritt, wiesen ihnen den Weg.
    »Caroline!«, rief Clea aus der Küche. »Schau mal!«
    Als sie sich umdrehte, sah Caroline eine Feuerfliege. Es war September. Der Abend war kühl, und die Feuerfliegen waren um diese Jahreszeit normalerweise längst verschwunden. Aber es war eins, unverkennbar, im hohen Gras oberhalb des Strandes. Grüngolden, glühend und geheimnisvoll, ein Bote aus der Vergangenheit. Sie folgte seinem Zickzackkurs durch die Nacht. Homer jagte es, wie in seiner Jugend, als er mit Hugh im Sand gespielt hatte.
    »Brav!«, rief Augusta. »Braver Hund!«
    Caroline warf einen letzten Blick auf ihre Schwestern und ihre Mutter. Sie standen in der Küche, im Schatten der Fliegengittertür. Homer trottete langsam zur Veranda, wo er sich hinsetzte, das Gesicht ihr zugewandt. Sie blickten sich lange an. Das Meer brach sich an den Klippen, die Flut setzte ein. Joe drücke ihre Hand.
    »Wir passen schon auf ihn auf, Liebes«, rief Augusta ihr zu.
    »Ich weiß!«
    Dann drehte sie sich um und ging mit Joe durch das hohe Gras von Firefly Hill. Er hielt ihr die Wagentür auf, und sie stieg ein. Sam nahm im Fond Platz und tätschelte ihr beruhigend die Schulter.
    »Alles klar?«, fragte Joe lächelnd. Seine Augen strahlten.
    »Alles klar.« Sie winkte ihrer Mutter und ihren Schwestern zu.
    »Klarer geht’s nicht«, sagte Sam. »Wir sehen uns in einem Jahr wieder.«
    »Ein Jahr«, sagte Joe. »Was ist das schon.«
    »Ein Jahr ist nicht lang«, erklärte

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