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Abendland

Abendland

Titel: Abendland
Autoren: Michael Köhlmeier
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Intro
    Meinen ersten Hund mit blauen Augen sah ich, da war ich neun. Ich spazierte mit Carl und Margarida über die Kärntnerstraße, vor dem Kaufhaus Steffl lag er, an einen Fahrradständer gebunden, wartete auf seinen Herrn oder seine Dame, die vielleicht Geschenke einkauften, denn es war kurz vor Weihnachten. Um ihn herum hatte sich ein kleiner Kreis von Menschen gebildet. Eine Frau schob ihr Töchterchen nach vorn und sagte: »Schau ihn dir an, er ist der Schönste!« Der Hund stemmte sich auf die Vorderpfoten, richtete sich langsam auf und kam heran, soweit es seine Leine zuließ. Die Frau hielt ihm ihr Mädchen entgegen, als habe sie es nur für ihn so herausgeputzt, das rosa Mäntelchen, die rosa Stiefelchen und die rosa Schleifen an den Zöpfen. Aber der Hund mit den blauen Augen hatte kein Interesse an der Frau und keines an dem Kind; er hob den Kopf und blickte Carl an. Nur ihn. Pfeilgerade in seine Augen starrte er. Und Carl starrte zurück. Und die Leute blickten von Carl zu dem Hund, von Carls blauen Augen zu den blauen Augen des Hundes. Ich stellte mich vor Margarida, sie zog ihre Handschuhe ab und wärmte meinen Nacken mit ihren Händen. »Gleich zeigt er uns etwas«, flüsterte sie mir ins Ohr. Carl bewegte seinen Kopf langsam nach links, der Hund folgte mit seinem Kopf; Carl bewegte den Kopf nach rechts, der Hund zeichnete seine Bewegung nach. Und wieder hin und wieder her. Nun schritt Carl den Halbkreis ab, erst nach rechts, dann nach links – der Hund folgte ihm mit gespannter Leine. Am Ende standen sie sich wieder gegenüber und blickten einander in die Augen. Carl ging in die Hocke und beugte sich weit vor, so daß sein Gesicht nahe bei der Nase des Hundes war. Der Hund gab keinen Laut von sich, er schloß langsam die Augen, öffnete sie wieder. Er bewegte den Kopf zur Seite, auf eine Art, die wie ein lässiges »Komm mit!« aussah. Das war sehr komisch. Die Frauen lachten und klatschten, und die Frau mit dem Mädchen strich sich die Haare aus der Stirn. Carl war hingerissen. Laut, so daß es jeder hören konnte, sagte er: »Ja, er ist das schönste Tier, und ich gefalle ihm. Ich gefalle ihm! Was bedeutet das? Bitte, was bedeutet das?« Und Margarida sagte, ebenfalls laut, so daß es alle hörten: »Daß auch du der Schönste bist, was denn sonst?«
    Als wir zu Hause in der Penzingerstraße waren, erzählte Margarida alles haarklein meinen Eltern. Sie drängte Carl, sich vor den hohen Spiegel in unserer Garderobe zu stellen und seinen Kopf zu bewegen, wie er ihn vor dem Hund mit den blauen Augen bewegt hatte.
    »Warum soll ich das tun?« fragte er.
    »Damit du dich siehst, wie er dich gesehen hat«, antwortete sie.
    »Ich habe ihm gefallen«, sagte Carl. »Ich habe ihm tatsächlich gefallen.« Und er bewegte sich vor dem Spiegel und schnitt Grimassen, einmal war er der Hund, einmal war er er selbst.
    Als Carl und Margarida gegangen waren, sagte meine Mutter: »Seine Eitelkeit ist bisweilen unerträglich«, und mein Vater pflichtete ihr ausnahmsweise bei. Ich aber dachte: Das stimmt doch nicht! Wer außer diesem Mann kann sich so schön freuen, daß ein Tier ihn schön findet! Und das sagte ich auch. Ich sah meinen Eltern an, daß sie nicht wußten, was sie denken sollten, ob sie über mich drüberfahren oder ob sie sich für ihre Kleinkariertheit schämen sollten.
    »Seine Eitelkeit ist zugegebenermaßen raffiniert«, sagte mein Vater, und es klang wie ein Vorschlag zur Versöhnung. Vor allem aber klang es ängstlich. Alles, was mit Carl zu tun hatte, ließ meinen Vater ängstlich sein.

Erstes Buch

Erster Teil: Lans

Erstes Kapitel
1
    Heute vor einem Jahr, am 18. April 2001, starb Carl Jacob Candoris. Er wurde fünfundneunzig Jahre alt. Bis zu seiner Emeritierung war er als Professor für Mathematik an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck tätig gewesen. In den letzten Jahren seines Lebens wohnte er in dem Dorf Lans oberhalb der Stadt in einer Villa am Fuß eines felsigen Hügels. Wenn er, wie er es liebte, auf der Wiese saß, in seinem von den Jahreszeiten versilberten Korbsessel, konnte er auf einen See und einen Berg sehen und hatte den Tannenwald im Rücken.
    Wenige Wochen vor seinem Tod rief er mich an meinem Handy an und sagte: »Sebastian, bist es du?«
    Und ich sagte: »Ja, ich bin es.«
    Und er: »Deine Stimme klingt anders.«
    Seine Stimme hatte den soliden, elastischen Tonfall, an den ich mich erinnerte, ironisch eingefärbt wie immer. Niemand hätte so eine Stimme einem

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