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Wenn du mich siehst - Hudson, T: Wenn du mich siehst - Hereafter

Wenn du mich siehst - Hudson, T: Wenn du mich siehst - Hereafter

Titel: Wenn du mich siehst - Hudson, T: Wenn du mich siehst - Hereafter
Autoren: Tara Hudson
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1
    Es war wie immer, aber anders als beim ersten Mal.
    Es fühlte sich an, als sei mein Brustbein ein Türschloss, in das jemand mit Gewalt einen Schlüssel gerammt und umgedreht hatte. Die Tür – meine Lunge – wollte aufgehen, wollte nicht mehr gegen das Drehen des Schlüssels ankämpfen. Jener primitive Teil meines Gehirns, der aufs Überleben ausgerichtet war, wollte, dass ich atmete. Aber ein maßgeblicherer Teil meines Gehirns kämpfte gleichzeitig gegen eben diesen Drang an, der dazu führen würde, dass das Wasser hereinströmte.
    Strudelnd griff das schwarze Wasser um sich und fand überall, wo es nur konnte, einen Angriffspunkt. Ich presste die Lippen zusammen und kniff die Augen zu, obwohl ich unbedingt etwas sehen musste, um diesem Albtraum zu entkommen. Dennoch sickerte mir das Wasser nach und nach in Mund und Nase, Augen und Ohren. Es schlang sich wie ein fließendes Gewebe um meine Arme und Beine, zerrte und zog meinen Körper in alle Richtungen. Ich wurde unter endlosen Schichten dieses unkontrollierbaren, sich windenden Gewebes begraben, dem ich mich nicht würde entreißen können.
    Ich hatte mich zu lange abgemüht, hatte zu heftig gekämpft, und jetzt erlahmte mein Körper aufgrund des Sauerstoffmangels. Meine Arme fuchtelten nicht mehr ganz so wild in Richtung dessen, was ich für die Oberfläche hielt, als sei das unsichtbare Gewebe um sie her dichter geworden. Ich schüttelte den Kopf, um nur nicht einzuatmen. Nein!, rief ich in Gedanken. Nein!
    Doch Instinkte sind ebenfalls etwas Unkontrollierbares – urgewaltig und nicht auszutricksen.
    Mein Mund öffnete sich, und ich atmete ein.
    Und wie immer, abgesehen vom ersten Mal, als ich diesen Albtraum erlebt hatte, erwachte ich.
    Meine Augen blieben geschlossen, und ich keuchte hysterisch. Diesmal brachte jeder Atemzug tatsächlich Luft mit sich, und nicht das trübe Wasser, das während jenes ersten Albtraums meine Lungen durchflutet und mein Herz zum Stillstand gebracht hatte.
    Jetzt aber war die Luft sinnlos, zwecklos in meiner toten Lunge. Dennoch empfand ich eine dumpfe Freude: Auch wenn mein Herz nicht mehr schlug, bedeutete die Luft doch, dass ich nicht mehr dabei war zu ertrinken.
    Zugleich kam ich mir ein wenig töricht vor, weil ich Angst gehabt hatte. Schließlich kann man nicht zweimal sterben.
    Und ich war längst tot, so viel stand fest.
    Es hatte eine Weile gedauert, bis ich den Umstand akzeptiert hatte. Vielleicht Jahre – Zeit wurde im Tod zu etwas sehr Vagem. Jahre des Wanderns, verwirrt und abgelenkt durch jedes Bild und jedes Geräusch. Passanten anschreiend, sie anflehend, mir begreifen zu helfen, warum ich derart verloren war, oder auch nur meine Gegenwart zu bestätigen. Ich konnte mich sehen – nackte Füße, weißes Kleid und dunkelbraune Haare, die in dicken Wellen getrocknet waren –, aber andere konnten es nicht. Und nie sah ich einen anderen Menschen wie mich, einen Toten, sodass ich im Grunde keinen Vergleich hatte.
    Die Albträume führten schließlich dazu, dass ich die Wahrheit einsah und akzeptierte.
    Anfangs löste nichts in meinem Wandererdasein Erinnerungen an mein Leben aus, abgesehen von einem flüchtigen Gefühl der Vertrautheit angesichts der Wälder und Straßen, die ich durchwanderte.
    Dann setzten die Albträume ein.
    Unvermittelt, ohne die geringste Vorwarnung, verlor ich immer wieder zeitweise das Bewusstsein. Und ertrank dann erneut. Erst nach den ersten paar Albträumen erkannte ich sie als das, was sie waren: Erinnerungen an meinen gewaltsamen Tod.
    Die Erinnerung an meinen Tod war also zurückgekehrt. Doch nur wenige Einzelheiten aus meinem Leben stiegen mit ihr empor: mein Vorname – Amelia –, aber nicht mein Nachname. Mein Alter bei meinem Tod – achtzehn –, aber nicht mein Geburtsdatum. Die Tatsache, dass ich mich anscheinend von einer Brücke in die Fluten des Flusses hinabgestürzt hatte. Aber nicht der Grund dafür.
    Obwohl ich mich nicht an mein Leben und an das erinnern konnte, was ich währenddessen gelernt hatte, entsann ich mich doch vage gewisser religiöser Glaubensvorstellungen. Die wenigen Grundideen, an die ich mich erinnerte, lieferten aber ganz und gar keine Erklärung für dieses spezielle Leben nach dem Tod. Die bewaldeten, staubigen Hügel des südöstlichen Oklahomas entsprachen nicht meiner Vorstellung vom Himmel, ebenso wenig wie die ständigen Schlafanfälle samt Rückkehr an den Schauplatz meines Ertrinkens.
    Das Wort » Fegefeuer« kam mir jedes Mal in den

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