Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Walkueren

Walkueren

Titel: Walkueren
Autoren: Þráinn Bertelsson
Ads
1
Der Tod in den Hügeln von Rauðhólar
    Der schwarze Skoda Octavia, Baujahr 2003, stand in einer Senke in den roten Hügeln von Rauðhólar. Selbst als das Herz der Frau auf dem Fahrersitz schon längst aufgehört hatte zu schlagen, pumpte der Motor noch giftige Dämpfe ins Auto.
    Ihr Körper wog sechsundfünfzig Kilo und bestand aus Milliarden von Zellen.
    Jede einzelne Zelle war ein winziges Mirakel, jede für sich komplizierter als ein Düsenflugzeug, eine komplexe Einheit aus vielen hundert Millionen Molekülen; jedes Molekül ein eigener Kosmos aus hunderttausend Milliarden mikroskopisch kleiner Atome; jedes Atom ein Kern und Elektronen; die Kerne bestehend aus einer Vielzahl von Protonen und Neutronen, die Neutronen wiederum aus Quarks.
    Bis 1:46 Uhr am Morgen des 14. März waren all diese Einheiten Bestandteile eines lebendigen Menschen gewesen, eine komplexe Welt von Molekülen namens Freyja Hilmarsdóttir.
    Jetzt hatte der Tod das Leben abgelöst.
    Die Arbeit der stofflichen Einheiten war beendet; nun erwarteten sie verschiedene neue Aufgaben auf einer anderen Daseinsebene, sogar die Teilnahme an neuem Leben in einer Welt, in der Nichts zu Nichts wird und Materie und Energie ständig neue Formen annehmen.
     
    Der Tod mischt mit kalten Fingern die Karten und verteilt sie gänzlich neu.
2
Þorleifur und Mói
    An jenem Morgen ging die Sonne in Reykjavík um 7:21 Uhr auf, aber grimmige, düstergraue Wolken hingen über der Stadt und versperrten dem Tageslicht den Weg, sodass die Schwärze der Nacht sie noch eine Weile umschlossen hielt.
    Um kurz vor acht öffnete Þorleifur Baldursson die Stalltür am Weg C im Víðidalur.
    »Guten Morgen, Jungs«, rief er, obwohl zwei der sechs Pferde im Stall Stuten waren. »Habt ihr schon auf mich gewartet?«
    Er schaltete das Licht ein, im Stall war es noch dämmrig, obwohl man draußen schon recht gut sehen konnte.
    »Sollen wir das gute Wetter nutzen?«, sagte er. »Zumindest ist es im Moment einigermaßen windstill und regnet nicht.«
    Die Frage war im Grunde überflüssig, denn Þorleifur hatte bereits auf dem Weg zum Stall beschlossen, den Mausfalben zu satteln, im Schritt eine Runde durch die Rauðhólar zu reiten und das Pferd dabei in aller Ruhe nachgeben zu lassen.
    Mói gehörte Þorleifurs kleiner Enkeltochter Inga, ein ordentliches Pferd, wenn auch ein bisschen frech. Bei dem Mädchen hatte er sich die Unart angewöhnt, sich auf den Zügel zu legen. Inga nannte ihn Stjörnufákur, edles Ross mit Stern, aber einen solch romantischen Namen nahm ihr Großvater nicht in den Mund. Stattdessen nannte er ihn einfach Mói, den Mausfalben.
     
    Eine halbe Stunde später ritten Mói und Þorleifur über einen schmalen Pfad durch die roten Hügel. Sie kamen nur langsam voran, hatten es aber auch nicht eilig. Mói war die Arbeit schon langweilig geworden, und es drängte ihn nach Hause zu seiner Morgenration. Þorleifur ließ ihn Schritt gehen, mal zwanzig Meter, mal fünfzig, parierte ihn dann zum Halt durch, ließ ihn ein paar Schritte rückwärtstreten, gab den Zügel nach und trieb ihn dann vorwärts, wieder und wieder.
    Der Pfad führte an einem Hügel entlang, der sich nach innen wölbte wie ein Vulkankrater. Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein hatten die Hügel als Steinbrüche gedient. Der rote, verbrannte Kies war ein begehrter Straßenbelag, und erst als man diesen Naturwundern schon unwiderrufliche Schäden zugefügt hatte, wurde beschlossen, sie nicht weiter zu zerstören. Þorleifur war erstaunt, ein Auto in der Senke stehen zu sehen. Er vermutete, dass jemand einen gestohlenen Wagen dort abgestellt hatte.
    Das geht mich nichts an, dachte Þorleifur. Er hatte genug vom Training und freute sich schon darauf, zum Stall zurückzukehren, die Pferde zu füttern und sich selbst einen Kaffee zu kochen.
    Da sah er, dass jemand im Wagen saß, auf dem Fahrersitz.
    Es war kein Motorengeräusch zu hören. Aber das hatte nichts zu bedeuten, denn Autos waren heutzutage so leise, dass Þorleifur einen Blick auf den Auspuff werfen musste, um feststellen zu können, ob der Wagen lief. Dabei entdeckte er die Röhre, einen grauen Schlauch, der durch einen Spalt im Fenster der Hintertür ins Auto führte.
    »Zum Teufel noch mal«, schimpfte Þorleifur. »Können die Leute sich nicht zu Hause umbringen?«
3
Inspektion des Tatorts
    »Weißt du eigentlich«, fragte Terje, »dass die Menschheit aus zwei Gruppen besteht? Da sind diejenigen, die Beatles hören, und die, die Rolling

Weitere Kostenlose Bücher

Die goldene Meile
Die goldene Meile von Martin Cruz Smith
Verschwiegene Schuld
Verschwiegene Schuld von James Bacque
237 - Die Welt in der Tiefe
237 - Die Welt in der Tiefe von Christian Schwarz
Liebe und andere Zufalle
Liebe und andere Zufalle von Crusie Jennifer