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Verlockend wie ein Dämon

Verlockend wie ein Dämon

Titel: Verlockend wie ein Dämon
Autoren: Annette McCleave
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    K ein Mensch rechnet damit, dass ihm ein Nobelkaufhaus um die Ohren fliegen könnte.
    Und doch war genau das der Fall, als Brian Webster in Saks Fifth Avenue gerade die Vorzüge eines blaugestreiften Smokinghemds von Gucci gegen die eines klassisch weißen von Zegna abwog. Ohne Vorwarnung drang ein lauter Knall von unten durch den Fußboden, ließ Brian erzittern und die Fenster vibrieren. Noch bevor er sich mit einem Sprung in Sicherheit bringen konnte, gab das sich verbiegende Metall kreischende Geräusche von sich, und der Boden brach etwa zehn Zentimeter ein.
    Nur seine Seelenwächterreflexe hielten Brian auf den Beinen.
    Panikschreie, hysterische Alarmsirenen und das schwere Krachen zusammenbrechender Mauern erfüllten die sonst so geräuscharme Kulisse des Edelschuppens. Ein Kronleuchter knallte zu Boden und überschüttete zwei gestürzte Kundinnen mit einem Scherbenregen. Einige Regale aus Messing und Holz kippten um und trafen einen Verkäufer im Anzug.
    Ein dünner Rauchfaden sowie der Gestank verbrannter Streichhölzer stiegen aus einem klaffenden Loch im Boden auf, doch es war der seltsame Geruch nach Kohle, der Brian eins und eins zusammenzählen ließ. Während sich sein Pulsschlag beschleunigte, warf er die beiden Hemden auf einen Mahagonitisch, der nun mit Glasscherben übersät war, und raste zu den Fahrstühlen. Diese Geruchsmischung war ihm nur allzu vertraut.
    Schwefel.
    Irgendwo unter ihm war – geradewegs aus der Hölle – ein Dämon aufgetaucht.
    Bei den Fahrstühlen tobte das Chaos. Teile des Marmorbodens hatten sich wie tektonische Platten ineinandergeschoben. Überall Staub und Splitter. Benommene oder weinende Menschen klammerten sich aneinander, einige von ihnen beteten. Brian blieb stehen. Die Kreatur, die die tiefer gelegenen Stockwerke verwüstet hatte, musste gestoppt werden – das stand unzweifelhaft fest. Doch einer der Aufzüge war von der Explosion mit offener Tür ein Stück nach unten gerissen worden. Drei Frauen und ein Kleinkind riefen daraus um Hilfe, völlig panisch, dass die Kabine jeden Augenblick abstürzen konnte.
    Und niemand wusste, ob nicht genau das passieren würde.
    Ein sehr großer Mann in einem gelben Poloshirt lag auf dem Boden. Seinen fülligen Arm hatte er tapfer in die entstandene Lücke zwischen dem Fußboden und dem Aufzugdach geschoben. Brian entschied sich, zunächst hier zu helfen, bevor er sich den Dämon vorknöpfte, und warf sich neben dem Mann auf den unebenen Boden.
    »Kommen Sie, Ladys«, redete er den Verunglückten gut zu. »Wir holen Sie da raus.«
    Noch während er sprach, erschütterte eine weitere Explosion das Gebäude, hob den Boden unter ihnen an und ließ Fliesen von der Decke auf ihre Köpfe regnen. Der Aufzug gab einen tiefen, metallischen Seufzer von sich und schrammte funkensprühend noch ein paar Zentimeter tiefer. Die Schreie der Frauen stiegen dagegen eine Oktave nach oben, und der Mann neben ihm zuckte zusammen. Allerdings – das musste Brian ihm hoch anrechnen – ergriff er nicht die Flucht.
    Zwei der gefangenen Frauen packten nun endlich die Arme der Männer. Brian zog ein Opfer, eine ältere Frau, mühelos aus dem Lift, dann half er seinem Mitstreiter, die andere Frau zu befreien. Nun befand sich nur noch die Frau mit dem Kind in der Aufzugkabine. Als er einen Blick in die schreckverzerrten, tränenüberströmten Gesichter warf, kamen ihm Zweifel, ob sie ihn überhaupt sahen.
    »Geben Sie ihm das Kind«, befahl Brian der panischen Frau und sah sie eindringlich an. »Und
Sie
nehmen
meine
Hand.«
    Sie reagierte zögernd auf seinen Befehlston. Unsicher hob sie ihren Sohn hoch zu dem großen Mann. Doch sobald der Junge in Sicherheit war, schien der Schock sie zu übermannen. Ihre Arme und Beine begannen heftig zu zittern, ihr Atem ging nur noch stoßweise. Sie griff mehrmals nach Brians Hand, sank aber jedes Mal zurück in den Aufzug, der bei jedem Fehlversuch erzitterte.
    Brian hakte seinen Fuß um eine Palme, die in einem schweren Blumentopf stand. Dann beugte er sich noch weiter hinunter und schlang einen Arm um die Taille der Frau. Ihr T-Shirt war feucht von kaltem Schweiß, und das fortwährende Zucken ihres Körpers übertrug sich auf seinen eigenen. Als metallenes Schleifen die nächste Phase der Katastrophe – den Absturz des Aufzugs – ankündigte, spannte er seine Bauchmuskeln an und zog die Frau mit einem kräftigen Ruck nach oben. Ihre tränenreichen Worte des Dankes erwiderte er mit einer raschen

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