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Und fuehre mich nicht in Versuchung

Und fuehre mich nicht in Versuchung

Titel: Und fuehre mich nicht in Versuchung
Autoren: Vera Bleibtreu
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pfarrerin susanne hertz übergab  sich an Ort und Stelle. Was sie für einen Handschuh gehalten hatte, war bei näherer Betrachtung unverkennbar eine Männerhand, mit einem dicken Nagel an den Stamm einer Platane vor der 14-Nothelfer-Kapelle geheftet. Die unmittelbare Reaktion ihres Magens ließ es nicht zu, daß sie die perfekte Maniküre der Nägel zu würdigen gewußt hätte, ganz zu schweigen von der sauberen Art und Weise, in der diese Hand vom Gelenk abgetrennt worden war. Susanne Hertz nahm nur die unschuldig-silbrige Farbe des Nagels wahr, der im Zentrum des Handtellers prangte. «Jesus», stammelte die Pfarrerin, und in der Tat sah die Hand gerade so aus, als ob man sie der Christusfigur abgeschla-gen hätte, die nach einem Akt von Vandalismus vor einigen Jahren hatte restauriert werden müssen. Doch dies war nicht die Hand eines Kruzifixus – die eingetrockneten Blutreste, die an der Schnittstelle sichtbaren Knochen sprachen eine deutliche Sprache. Susanne Hertz übergab sich erneut. Erst nachdem sie sich etwas gefangen hatte, war sie in der Lage, die 13 geschächteten Hähne wahrzunehmen, die mit hängenden Kämmen und klaffenden Hälsen so an den Bäumen vor der Kapelle baumelten, als gelte es, den  Wallfahrtsplatz einzurahmen. Der Täter hatte ihre Füße zusammengebunden und sie mit den Köpfen nach unten aufgeknüpft. Mit ihren im Tod weit gespreizten Flügeln wirkten sie wie eine perverse Karikatur der Christusfigur an der Kapelle. 13 Hähne, eine Hand – «Die 14 Märtyrer», stöhnte Pfarrerin Susanne Hertz, «da hat wohl jemand das Wort ‹Blutzeuge› zu wörtlich genommen.» Sie fischte ihr Handy aus der Tasche ihrer Jogginghose und tippte die Nummer, die sie seit einiger Zeit auswendig konnte. Kriminalkommissarin Tanja Schmidt war sofort am Apparat.
    «Tanja, ich fürchte, hier ist Arbeit für dich», sagte Susanne Hertz gefaßt. «Leider habe ich dir einige Spuren versaut.»

    * * *
    Pfarrerin Susanne Hertz und Tanja Schmidt hatten sich kennengelernt, als Susanne Hertz ihre Ausbildung zur Notfallseelsorgerin absolviert hatte. Die Pfarrerin, die seit einem Jahr als Vakanzverwalterin in der St. Johannisgemeinde arbeitete, wollte gerne zur sinnvollen Arbeit der Notfallseelsorge beitragen. Wenn ein Verunglückter seel-sorglich zu begleiten, eine Todesnachricht zu übermitteln ist oder Angehörige nach einem plötzlichen Todesfall betreut werden müssen, können die Rettungskräfte die Notfallseelsorge alarmieren. Um sich auf diesen Dienst vorzubereiten, sollen die Seelsorger einen Tag mit der Feu-erwehr, der Polizei oder in einem Rettungswagen verbringen. Susanne Hertz entschied sich für die Polizei, fuhr mit Kommissarin Tanja Schmidt im zivilen Einsatzfahrzeug durch Mainz, entdeckte ganz unbekannte Seiten an der Stadt, die sie doch so gut zu kennen glaubte, und gewann die Freundschaft der Kommissarin, indem sie sich in einer  schwierigen Situation tapfer und hilfreich erwies. Sie tröstete und beruhigte die verstörten Kinder eines Opfers, so daß Tanja in Ruhe die Zeugen befragen konnte. Als alles überstanden war, lud Tanja die sichtlich mitgenommene Pfarrerin zu einem Schoppen ins Weinhaus «Hottum» ein.
    In der rauchgeschwängerten, fröhlichen Atmosphäre des Traditionslokals stellten sie bei Riesling und Spundekäs erstaunt fest, daß sie stundenlang miteinander reden konnten, ohne sich zu langweilen. Seitdem trafen sich die beiden Frauen regelmäßig und wurden zu Freundinnen, obwohl sie einen ganz verschiedenen Hintergrund hatten.
    Tanja war 32 Jahre alt und stammte aus einem einfachen Elternhaus in der Mainzer Neustadt; sie war ungemein ehrgeizig und wollte Karriere machen. Damit hatte sie fast einen gegenläufigen Lebensentwurf zu Susanne, die aus einem gutbürgerlichen Elternhaus stammend den Basis-dienst in der Gemeinde jeder Oberkirchenratsstelle vor-ziehen würde. Was sie gemeinsam hatten: Beide tranken gern ein gutes Glas Wein, liebten Radtouren, konnten im Kino über die selben Szenen lachen und weinen, waren nicht verheiratet – und beide waren evangelisch, Tanja allerdings mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. Die Freundschaft mit Susanne hatte sie jedoch der Kirche wieder angenähert. Inzwischen ging sie sogar ganz gerne in den Gottesdienst, wenn Susanne predigte.
    Tanja war ein drahtiger, durchtrainierter Typ, beim Joggen hängte sie Susanne locker ab. Sie war den Mainz-Marathon schon mehrfach erfolgreich mitgelaufen («Den ganzen, nicht diese Weicheiveranstaltung

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