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Und fuehre mich nicht in Versuchung

Und fuehre mich nicht in Versuchung

Titel: Und fuehre mich nicht in Versuchung
Autoren: Vera Bleibtreu
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‹Halbmarathon›») und wollte demnächst beim Ironman in Frankfurt mitmachen. Sie hatte raspelkurz geschnittene dunkelbraune Haare und trug meistens Jeans, T-Shirt und Jeansjacke. Als einzigen Luxus leistete  sie sich teure Joggingschuhe, sonst trug sie praktische Schnürschuhe, mit denen ein Mensch einen Tag lang her-umlaufen konnte, ohne Blasen an den Füßen zu bekommen  – auch da ein Gegensatz zu ihrer Freundin Susanne, die einen Schuhtick hatte und – außer beim Joggen – auf halsbrecherisch hohen Pumps durchs Leben stöckelte.
    Obwohl Tanja wesentlich besser lief als Susanne, trafen sich die beiden Frauen regelmäßig zum Joggen im Lennebergwald und festigten mit jedem Lauf und Gespräch ihre Freundschaft. Während Susanne Hertz nun wie ein Häufchen Elend vor der 14-Nothelfer-Kapelle saß und auf Tanja wartete, war sie unendlich dankbar für diese Freundschaft.
    Ein fremder, am Ende unsympathischer Polizeibeamter wäre ihr jetzt ganz unerträglich gewesen.

    * * *
    Kriminalkommissarin Tanja Schmidt betrachtete die Schnittwunde an der angenagelten Hand. «Schwer zu sagen, ob da dasselbe Messer benutzt wurde wie bei den Hähnen», meinte sie zu ihrem Kollegen Arne Dietrich. Die beiden waren ein eingespieltes Team und verstanden sich fast ohne Worte. Jetzt sprach Arne aus, was Tanja dachte:

    «Sind das Satanisten gewesen?» fragte er. «Ob die die Leiche vom Waldfriedhof haben, der ist doch hier gleich um die Ecke? Ich checke das mal.» Tanja nickte mechanisch.
    Dieser Fall war wichtig für sie. Sie hatte sich für einen Einsatz im Ausland gemeldet, Ausbildung der Polizei in Rumänien. Sollte sie hier irgend etwas Entscheidendes übersehen, dann wäre das ein gefundenes Fressen für ihre Konkurrenten um die Stelle. Sie wollte aber weg, weg aus der Stadt, in der sie geboren worden und aus der sie bis  heute nicht weggekommen war. Hier kannte jeder jeden, Tanja fühlte sich manchmal regelrecht umzingelt. Es war ihr unmöglich, abends wegzugehen, ohne einen alten Schulkameraden oder Freunde ihrer Eltern zu treffen. Ihr Vater war in der Barbarossa-Garde aktiv, ihre Mutter schon in der Mainzer Neustadt geboren und aufgewachsen. Tanja war es genauso ergangen, im Gegensatz zu ihrer Mutter fand sie das aber weder schön noch gemütlich. Zumal sie nun auch beruflich an die Neustadt gebunden war – das Polizeipräsidium stand direkt am Goetheplatz. Tanja haßte es, wenn sie zu ihren Schichten ins Präsidium ging und dabei den Freundinnen ihrer Mutter begegnete, die dank
    «Tatort» und «Ein Fall für zwei» bestens über ihren beruflichen Alltag Bescheid wußten. Tanja wollte weg, weg aus der Neustadt, weg von ihren Eltern, weg aus Mainz. Sie ahnte, daß sie sich in Bukarest unendlich nach ihrer Heimatstadt sehnen würde, aber erst einmal war ein klarer Schnitt notwendig. Sie beneidete ihre Freundin Susanne, die schon an vielen Orten in der Welt gelebt und gearbeitet hatte. Tanja hätte sich auch für Dubai gemeldet, nur um wegzukommen. Ihre Beurteilungen waren einwandfrei.
    Doch zwischen ihr und der neuen Stelle stand nun dieser Fall, und sie ahnte, daß es kein leichter Fall sein würde.
    Seufzend konzentrierte sie sich wieder auf den Tatort und ihre Freundin, die wie ein Häufchen Elend auf den Treppenstufen der 14-Nothelfer-Kapelle saß. Arne Dietrich hatte inzwischen festgestellt, daß auf dem Waldfriedhof noch niemand zu erreichen war, kein Wunder bei der frü-
    hen Uhrzeit. Es war noch nicht 7 Uhr. Das Team der Spurensicherung hatte den Tatort weiträumig abgesperrt, aber Tanja sah auf einen Blick, daß es um die Spuren schlecht bestellt war. Unzählige Menschen liefen jeden Tag an die ser Stelle vorbei. Und Susanne hatte die Lage nicht gerade verbessert. Aber Tanja gab zu, daß es einem bei diesem Anblick tatsächlich schlecht werden konnte. Sie sah, daß Susanne zitterte, und wußte, daß ihre Freundin ihr zu diesem Zeitpunkt nicht weiterhelfen konnte. «Ich lasse dich nach Hause bringen.» Tanja nahm Susanne kurz in den Arm. «Fahr nach Hause, wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich bei dir. Ich weiß ja, wo ich dich erreichen kann, und heute wirst du wohl kaum noch arbeiten können.
    Melde dich mal beim Dekan krank, heute brauchst du einen Seelsorger. Vielleicht hat ja auch Jens für dich Zeit.»

    * * *
    Das war knapp gewesen. Alles war knapp gewesen. Im letzten Moment, als er gerade den Nagel durch die Hand geschlagen hatte, war jemand vorbeigekommen. Aber der Mann hatte nichts gesehen, war

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