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Um Mitternacht am schwarzen Fluß

Um Mitternacht am schwarzen Fluß

Titel: Um Mitternacht am schwarzen Fluß
Autoren: Stefan Wolf
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1. Um Haaresbreite
     
    Gaby hätte sich wohler gefühlt, wäre
Tim dabeigewesen. Aber er und Klößchen hatten noch im Internat zu tun. Später
wollten sie nachkommen.
    Deshalb brach die Dreiergruppe allein
auf: Gaby, Karl und Tanja Leihmeier, eine Klassenkameradin, mit der Gaby sich
angefreundet hatte.
    Sie wollten zum Seehotel SCHÖNE
AUSSICHT, gelegen am Schwarzwasser-See, also mitten im Wald und fernab der
Großstadt. Die Straße dorthin war einsam. Ein gutes Stück führte sie durch
finstersten Tann.
    Gäste, die im Wagen anreisten, genossen
das. Aber für junge Mädchen auf Fahrrädern war die Strecke nicht zu empfehlen.
Es sei denn, sie hatten Geleitschutz.
    Der Septembertag spannte einen blauen
Himmel über Stadt und Land. Anfangs führte die Straße an Wiesen vorbei und
durch Felder. Dann begann der Wald: ein Naturpark mit dichtem Unterholz,
Baumriesen und unwegsamen Pfaden, wo nur Wildtiere sich zu Hause fühlten. Vor
einigen Jahren hatte man versucht, hier Wölfe und Luchse anzusiedeln; aber das
war nicht geglückt.
    Sie radelten nebeneinander, und damit
füllten sie die ganze Breite der Straße.
    Für Oskar, den Cocker-Spaniel, der
neben Gabys Rad an der Leine trabte, war kaum Platz. Er hechelte zwar, aber er
lief gern weite Strecken.
    „Diese Entfernung ist wirklich ein
Klotz am Bein“, sagte Tanja. „Ich meine für Jan und mich. Wenn’s hoch kommt,
sehen wir uns zweimal in der Woche. Für eine starke Beziehung ist das zu wenig.
Stimmt doch, Gaby?“
    „Stimmt!“ nickte Pfote. „Tim und ich
sehen uns jeden Tag: in der Schule und nachmittags. Bei einer starken Beziehung
wird’s trotzdem nicht langweilig. Was meinst du: Würde dir Jan auf den Keks
sehen, wenn du ihn täglich um dich hättest?“
    „Nie!“ rief Tanja, und das klang
überzeugt.
    Sie war 14, temperamentvoll und zart.
Dunkles Haar floß ihr auf die Schultern. Anders als Gaby trug sie ihren Pony
sehr kurz, und ihre schwarzen Augen versprühten regelrecht Feuer.
    Jan Drebelt war ihr Freund: ein
elternloser Junge von 16 Jahren. Er ging nicht mehr zur Schule, sondern hatte
im Seehotel SCHÖNE AUSSICHT eine Lehre als Hotelkaufmann begonnen. Das Hotel
gehörte seinem Onkel, dem einzigen Verwandten, den er hatte. Bei ihm war Jan
aufgewachsen. An seine Eltern konnte er sich kaum noch erinnern. Als kleiner
Junge hatte er sie verloren. Bei einem Flugzeugabsturz waren sie ums Leben
gekommen.
    „Jedenfalls ist es riesig nett von Jan“,
schaltete Karl sich ein, „daß er uns zum Grillen einlädt. Die Tage werden ja
bald kühler. Dann geht nichts mehr mit Picknick und Lagerfeuer.“
    „Wie weit ist es denn noch?“ fragte
Gaby.
    Sie war schon mal im Seehotel gewesen,
mit ihren Eltern. Aber das lag lange zurück.
    „Na, so drei Kilometer“, antwortete
Tanja. „Vorher gabelt sich die Straße. Rechts geht’s weiter nach Gunzhausen und
von dort zur Autobahn. Links führt ein Zubringer über den Schwarzen Fluß zum
See.“
    Bin froh, wenn wir da sind! dachte Gaby.
Irgendwie ist der Wald unheimlich. Wie dicht die Baumkronen sind. Und unten nur
Schatten. Sieht wie ein Urwald aus!
    Ringsum war Stille. Nur ab und zu
gurrte eine Wildtaube, oder ein Eichelhäher flog schimpfend davon.
    In diesem Moment hörte Gaby das Geräusch.
    Ein Motor dröhnte. Ein Sportflugzeug?
Dann flog es aber unglaublich tief. Doch nicht etwa zwischen den Bäumen?
    „Zur Seite!“ rief Karl. „Sonst walzt
uns der Brummi platt.“
    Tatsächlich! Es war kein Flugzeug.
    Ein Lastzug, ganz schweres Kaliber,
preschte heran.
    Er kam aus der gleichen Richtung wie
sie und schoß jetzt hinter der Straßenbiegung hervor.
    Mit etwa 90 km/h war die
Geschwindigkeit viel zu hoch. Offenbar glaubte der Fahrer, ihm gehöre die
Straße.
    Wahnsinn! fuhr es Gaby durch den Kopf.
    Dann war das dröhnende Ungetüm hinter
ihnen.
    Schemenhaft sah sie zwei Gesichter
hinter der Windschutzscheibe.
    Wie ein Korken in den Flaschenhals — so
paßte der Lastzug auf den schmalen Asphalt.
    Zu mehr war kein Platz.
    Die mächtigen Zwillingsreifen berührten
die Ränder der Fahrbahn.
    Warum fährt der nicht langsam? dachte
Gaby noch, und im nächsten Augenblick schon reagierte sie instinktiv: Sie warf
sich blitzschnell nach links in die Büsche: in Himbeer- und Brombeerranken,
durchflochten von Farnen und Riesenstauden.

    Oskar, den sie mitgerissen hatte,
jaulte auf. Er lag unter ihrem Klapprad. Der Sattel hatte ihm einen Nasenstüber
versetzt. Oskar zappelte.
    Mit angehaltenem Atem starrte Gaby an
der

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