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Trügerischer Friede

Trügerischer Friede

Titel: Trügerischer Friede
Autoren: Markus Heitz
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Prolog
    Kontinent Ulldart, Königreich Borasgotan, Festung Checskotan, Sommer im Jahr 1 Ulldrael des Gerechten (460 n. S.)
    Die Feuer brannten hell im Innenhof der Festung Checskotan und warfen ihren Schein gegen die altehrwürdigen Mauern. Die Fackeln auf den Wehrgängen überzogen das Wasser im Graben am Fuß
    des äußeren Walls mit einem roten Schimmer; es sah aus, als handelte es sich um glühendes gestocktes Blut. Das Bollwerk, das schon etliche Kriege zu unterschiedlichen Zeiten gesehen hatte, lockte mit seinem Licht und schreckte mit seinem Anblick.
    Noch vor sechzehn Jahren hatte es dem ehemaligen Herrscher Borasgotans, Arrulskhan IV., als letzte Zuflucht gedient. In den Zeiten davor war es ein Ausgangspunkt für Eroberungszüge und ein Widerstandsnest gegen hustrabanische Angriffsversuche gewesen.
    Die Festung stammte aus einer fast vergessenen Epoche, als Borasgotan eine mächtige Großmacht gewesen war und die Gebiete im Norden des Landes erobert hatte, um an die Schätze im Boden zu gelangen. Die Ureinwohner, das Volk der Jengorianer, war dabei beinahe ausgelöscht worden; die Letzten von ihnen lebten noch immer in den unzugänglichen Eisgebieten. An diesem kühlen Sommerabend, nicht lange nach dem
    Sieg in Taromeel, stand bereits eine neue Auseinandersetzung bevor. Dieses Mal jedoch blieb die Zukunft des Reiches eine alleinige Angelegenheit der Borasgotaner, und einer von ihnen drohte zu spät zu kommen.
    Ein Reiter trieb seinen Fuchshengst laut fluchend an und
    preschte auf den Versammlungsort zu, der von den Adligen des Landes ausgewählt worden war, um den kommenden Herrscher Borasgotans zu erwählen. Der Mann konnte das Ziel seiner Reise trotz der Dämmerung nicht verfehlen; die Feuer wiesen ihm den Weg.
    Sein stürmisches Nahen wurde bemerkt. Ein Dutzend Torwächter formierten sich auf der Mitte der Zugbrücke zu einer Mauer aus Menschen. Auf den gebrüllten Befehl ihres Obersten hin senkten sie die Hellebarden und reckten ihm die Spitzen entgegen. Todverheißend funkelten die metallenen Enden im Widerschein der Fackeln und verlangten stumm, dass der Reiter anhielt. Die beschlagenen Hufe glitten über die Bohlen; um ein Haar wäre das Pferd gestürzt, als der Reiter es vor dem Hindernis zum Stehen brachte.
    Die Soldaten besaßen keine einheitlichen Uniformen. Die einen trugen die Monturen der gestürzten Bardric-Dynastie unter der Rüstung, wobei sie das Wappen der Familie abgerissen und durch das Zeichen Borasgotans ersetzt hatten: ein stilisierter Pferdekopf, umgeben von einem Kranz aus Tannennadeln. Andere hatten sich in einfache braune Wollender Lederkleidung gehüllt und ihre Brustpanzer darüber geschnallt. So kurz nach der Niederwerfung von Govan Bardric und seinen Verbündeten war noch keine Zeit gewesen, um sich über derlei Nebensächlichkeit Gedanken zu machen.
    Ein sichtlich älterer Mann in einem zerschlissenen Obristenmantel und mit einer Pelzkappe auf dem Haupt trat nach vorn und grüßte militärisch. »Guten Abend. Zeigt mir Euer Einladungsschreiben, bitte.« Er musterte den Besucher, den er auf zwanzig Jahre schätzte. Dunkelbraune Haare schauten unter der Kappe hervor, die kastanienbraunen Augen schweiften gebieterisch über ihn und seine Männer. Ein Adliger, zweifelsohne.
    »Sicher.« Der junge Mann langte nach seiner Satteltasche
    und suchte den Schrieb, reichte ihn an den Mann weiter.
    Die Augen des Obristen huschten über die Zeilen; dann nahm er eine Liste hervor und verglich den Namen des Neuankömmlings mit den Eintragungen. »Tut mir Leid, Vasruc Raspot Putjomkin, aber Ihr seid nicht für das Treffen vorgesehen«, murmelte er, ohne aufzublicken. »Das Schreiben ging an Vasruc Bschoi, und indem Ihr seinen Namen durchstreicht und Euren darüber setzt, werdet Ihr nicht sein Stellvertreter.«
    »Vasruc Bschoi ist verstorben«, hielt Raspot unbeeindruckt dagegen und kramte im Innern der Satteltasche, bis er zwei weitere Briefe gefunden hatte. »Dies ist die eidesstattliche Erklärung seiner Witwe zu seinem Tod sowie die Bestimmung von Vasruc Bschoi, dass ich sein Nachfolger bin. Sowohl im Amt als auch bei der heutigen Versammlung.« Er erkannte am verschlossenen Gesicht des Obristen, dass es wohl längerer Verhandlungen bedurfte, in den erlauchten Kreis vorgelassen zu werden. Besser, er versuchte es mit einer kräftigen Portion Selbstsicherheit.. Also reckte er das Kinn und blickte mit blitzenden Augen auf den Obristen herab. »Ich bin ein borasgotanischer Adliger und dazu

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