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Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)

Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)

Titel: Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)
Autoren: Walter Kempowski
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Protokolle aufbewahrt. Kinder waren begeistert, aber ob viel mehr dabei herausgekommen ist als eine schöne Erinnerung? Ich bin vor Arbeit fast wahnsinnig geworden, und die Eltern wurden schon mißtrauisch.
    «De späl’n ja bloß», sagte ein Bauer.

Nartum Di 8. Januar 1991
     
    Wieder eine schwere Niederlage. Rechnung vom Anwalt über 16 000 Mark!
    Habe schon mal 22 000 bezahlt.
    Hinzu kommt das unnötige Hausgutachten: 15 000 Mark = 53 000 DM in den Sand gesetzt! Alles umsonst.
    Nun, wir werden sehen, ob wenigstens aus der Hannover-Sache etwas wird, die müßten doch hüpfen vor Glück, daß sie mein Archiv kriegen, aber sie rühren sich eigentlich nicht. Seminar war etwas dünn. Wenig Teilnehmer, von denen auch noch mehrere vorzeitig gingen. Ich war sehr nervös. Ausgelaugt. Die Schüler stumpf. Zwei Nervensägen im Publikum. Ost-West-Begegnungen problemlos.
    Genug. Irgendwie läuft die Sache aus.
     
    Irak: Der Wüstensturm im Nahen Osten braut sich zusammen. Das häßliche Wort«Krieg»hat Bush gebraucht, plötzlich«stand es im Raum»- man sieht GIs durch den Sandsturm stapfen. Aziz, der Irak-Außenminister, lacht unziemlich, wenn er gefragt wird, ob er keine Sorgen hat? Ob er sich im Klaren darüber ist, was da auf ihn zukommt?
    Den Litauern scheint es an den Kragen zu gehen. Schaurig. Ich denke, daß die Einheit jetzt nicht mehr zu haben wäre. Das dumme Wort«zu spät»bleibt uns erspart.
    Man möchte den Balten von ganzem Herzen wünschen, daß sie sich von der SU lösen, aber die Russen können den Kanal nicht voll kriegen. Ich meine, ihr Land ist doch eigentlich groß genug?
    Die Balten wollen übrigens nicht«Balten»genannt werden, gleich ins p.c.-Notizbuch schreiben.
    Da gibt’s unterschiedliche Freundschaften: Die Esten machen mit den Schweden gemeinsame Sache und die Litauer mit den Polen. Die Letten schweigen einstweilen still, da hat’s wohl ziemlich viele SS-Leute gegeben. Verstehen kann man sie alle nicht. Dagegen ist finno-ugrisch noch ein Waisenknabe.
    Ich versuchte, einiges Plankton zu zapfen. Eine Frau:
    Weit vor der Wende war ich im Westen. Als arme Bettlerin. Ohne Mittel im Goldenen Westen, 15 Mark umtauschen. – Mein Erschrecken, daß Leute, die aus unserem Freundeskreis rübergegangen waren, sich in ihrer Einstellung völlig geändert hatten. Das war’87, und ein Cousin hat gesagt:«Also, jetzt kann ich dich von der Steuer absetzen, weil du aus der DDR kommst.»
    Moral von der Geschicht’: Umstände formen den Menschen. -«Radieschen? Das ist doch nichts Besonderes, die gibt es doch das ganze Jahr.»-«Aber nicht bei uns.»-«Das meiste, was es gibt, braucht man nicht, weißt du.»

Nartum Mi 9. Januar 1991, klar
     
    9. 1. 91 (= komisches Datum)
     
    Ein Techniker der Zeitschrift«Hörzu»rief an, an welcher Stelle sie bei uns die Satellitenschüssel anbringen sollen, die ich für die geplanten Fernsehkritiken brauchen werde. Von Hamburg aus wollen sie das wissen! Ich sage, einen Nazi-Ausdruck benutzend:«Soll ich Ihnen mein Haus fernmündlich beschreiben?»Endlose Redereien über die Brüssel-Tour, zu der mich die EG eingeladen hat. Eigentlich wollte ich nur Hildegard die zwei Tage dabeihaben, nun wird eine Riesensache daraus.
    Im Radio eine blöde Lesung, eine Frau, die glaubt, den inneren Monolog entdeckt zu haben. – Eben merke ich, daß es ein Text von Joyce ist, den sie vorträgt, tatsächlich, aber schlecht gelesen. In Rostock benennen sie nun die Straßen wieder um, oder zurück um. Es ist nicht zu fassen. Ich erinnere mich noch, wie aus der Friedrich-Franz-Straße die August-Bebel-Straße wurde. – Sogar die SED habe zugestimmt. (In Rostock schändliche 23%!) Manchen kostete das viel Geld für neues Briefpapier, denn einige Straßen -«Adolf-Hitler-Platz»- mußten sich dreimal umbenennen lassen.
     
    2007: In Berlin werden Straßennamen jetzt instrumentalisiert. Die«Springerstraße»nach Rudi Dutschke umzubenennen, das ist doch gegen die Natur. Auch haben manche Bezirke Feministisches festgelegt. Da dürfen Frauen- und Männernamen nur paritätisch vergeben werden. Und jetzt haben sie Schwierigkeiten, genügend Frauennamen zu finden.
     
    Der 1945 von den Amerikanern in Quedlinburg gestohlene mittelalterliche Domschatz wird zurückkehren. Das sind so Geschichten. Was da wohl noch so alles auftaucht. Peinlich den Ost-Leuten gegenüber. Daß die Russen stahlen, war selbstverständlich. Aber die Amerikaner? Die Franzosen allerdings sowieso, das wunderte einen nicht. Das

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