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Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)

Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)

Titel: Somnia: Tagebuch 1991 (German Edition)
Autoren: Walter Kempowski
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dieselben Gedichte wie schon vor/seit sechs Jahren mit akkurat derselben Betonung. Sie brachte einen Herrn mit, der sich mir nicht vorstellte. Dann kriegte ich mit, daß es sich um den Hans-Henny-Jahnn-Biographen handelt, Freeman, dessen Buch ich grade lese, was er mir zuerst nicht glaubte. Ist ja auch unwahrscheinlich, so ein Zufall. Ungläubig, wie ich gegen mich selbst bin, raste ich in die Bibliothek und hielt ihm das Buch unter die Nase. Er zeichnete ein buntes Arrangement in mein Poesiealbum, wurde leider unterbrochen von Ulla Hahn, die zum Aufbruch mahnte.

     
    Albumeintrag Ulla Hahn

     
    Albumeintrag Thomas Freeman

Nartum Do 3. Januar 1991, klar, dann Regen
     
    1876: Wilhelm Pieck geboren, I. Präsident der DDR
    Seminar: Eine Frau fragte mich:«Was sind das für Schafe?»- Sie wollte auch wissen – solche Leute gibt’s jedes Mal -, ob ich die Bücher alle gelesen hätte, die in der Bibliothek stehen? Ich sagte:«Manche zweimal.»
    Morgens ich, mit meiner Prosaformel, seit 1980 bewährt, das leiert man so raus, das macht denen Spaß, und die Interpretation des Anfangs von«Tadellöser & Wolff». Nachmittags die Kurse, von denen wir Dierks ausfallen lassen mußten, weil sich nur zwei Teilnehmer für ihn gemeldet hatten. Peinlich! Aber ist mir auch schon passiert. Am Abend kam Vesper, sehr schön.
    Angenehm. Auch er las sehr Altbekanntes. Ob er nichts anderes hat?
    Ein Rostocker Schüler fragte mich, ob Kempowski mein richtiger Name sei?
    Der Sohn wieder da, die Mädchen waren ziemlich hinter ihm her. – Erzählt von den staubigen Straßen Thailands, die er mit seiner BMW befahren. Auch traurige Erlebnisse mit eingesperrten Affen. Diese Menschen! Extra enge Käfige, damit sie das Mitleid der Käufer erregen.
     
    Ein Herr, der sich als Schulleiter vorstellte, bereicherte meine Wiedervereinigungssammlung:
    Ich hab’ oft am Ufer gestanden und der Fähre nachgeguckt, wenn sie nach Gedser fuhr … Und dann bin ich nach dem Mauerfall hinübergefahren: Als ich 500 Meter weg vom Ufer war, das hat mich sehr bewegt: Jetzt stehst du selbst auf der Fähre! Daß man fahren durfte … Das war ein großes Erlebnis.
    Heute ist die Fährverbindung eingestellt wegen mangelnden Zuspruchs.

Nartum Fr 4. Januar 1991, klar, nicht kalt
     
    Seminar: Meine Laune verdarb mir heute eine Rostocker Schülerin, die mich unbedingt nach der«Stern»-Affäre befragen wollte. Kann sie sich doch denken, daß mir das nicht angenehm ist. Mangel an Erziehung. Gerade bei Mädchen mag man solche Grobheiten am wenigsten.
    Mit Vesper herzlich. Ich zeichnete ihm sein«BLOCK»-Exemplar voll. Das schien ihm nicht recht zu sein.
    Nachmittags wieder schwere Niederlage, weil niemand kapierte, was ich mit«Eidetik»meine, und auch nicht kapieren wollte.
    Tanja brachte hübsche Werbefilme mit. Werbung: auch eine Art Kunst. Müßte man sammeln. Fehlgeleitete Künstler. Ich meine nicht nur die lustigen Einfälle.
    Eine Frau aus Remscheid sagte, die Schüler aus Rostock sähen alle so russisch aus. Irgendwie härter als die Westdeutschen. – Was die Rostocker wohl von uns sagen, wie wir aussehen. Wie Vanillepuddings?
     
    Lit.: Herder, Italienreise, langweilig.«Verona ist groß.»
    Seine Frau über Kindererziehung:
    Die Kinder sind alle wohl; ich hoffe und wünsche, daß sie an Seele und Körper gewachsen sein mögen, wenn Du sie wiedersiehst. Ich tue nicht viel dabei; ich fürchte mich immer, daß ich etwas Schlimmes tue, und da mögen denn die Bäumchen so wachsen. (Karoline Herder an ihren Mann in Rom, 25.11.1788)
    Ach ja, Italien! So gerne möchte ich mal da hin. Aber die dortigen Goethe-Menschen sitzen wie Fleischerhunde vor ihren Instituten:«Kempowski kommt uns hier nicht rein.»
    Villa Massimo? Pustekuchen! Und wer war nicht alles schon da!

Nartum Sa 5. Januar 1991, windig
     
    I959: Gründung der Militärakademie«Ernst Thälmann»
der NVA
    Seminar: Es wurde viel über Dürrenmatt geredet, den ich nicht ausstehen kann. Flattern bei dem nicht weiße Vögel in der Veranda herum? Aber lieber als Frisch ist er mir allemal. Haben sie nicht beide einen Sprachfehler? Oder ist das Schweizer Eigenart?
    Gestern hätte ich zu Raddatz kommen sollen, brachte es nicht übers Herz.«Konnte einfach nicht.»
    Vesper sagt, zu oft dürfe er das jetzt nicht mehr machen, nach Frohburg fahren und dort lesen, Raddatz habe in Leipzig einen einzigen Zuhörer gehabt. Hotel, Reise, alles selbst bezahlt. Ist mir auch schon passiert.
     
    Eben komme ich drauf, daß ich

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