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Solar

Solar

Titel: Solar
Autoren: Ian McEwan
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Glasperlen besetzten Zahnspange im Mund. Nur mit großer Anstrengung brachte sie ihre Worte heraus.
    »Sir? In diesem Haus darf kein Alkohol ver... getrunken werden?«
    »Das wusste ich nicht. Tut mir schrecklich leid.«
    Sie nahm die Schale mit den drei kalten Teigtaschen weg und stellte den Hauptgang vor ihn hin. Vier Scheiben Hühnchen ohne Haut, dazwischen drei Ministeaks, das Ganze mit Speckstreifen umwickelt und mit Honig und Käse überbacken; dazu gab es zweifach gebackene, mit Butter und Frischkäse gefüllte Ofenkartoffeln.
    Er starrte den Teller lange an. Das Ziel par excellence all derer, die nicht ausgeliefert werden wollten, so hieß es, war Brasilien. Sollte er ein Ticket nach Sao Paulo kaufen und bei Sylvia einziehen? Eine reizende Frau, nicht uninteressant. Wäre vielleicht gar nicht so übel. Unmöglich. Um sich zu beruhigen, griff er zu Messer und Gabel, da bemerkte er wieder den Fleck, das Melanom an seinem Handrücken. Es war gewachsen, fand er, seit er das letzte Mal hingesehen hatte, und leuchtete im Neonlicht des Blooberry in einem zornigen Violettbraun. Sollte er sich jetzt wirklich auch noch damit beschäftigen, zu allem anderen? Doch wohl kaum. Das würde sich schon von allein erledigen. Und er würde morgen auch nicht vor die wütende Menge treten. Oder irgendwann die Welt retten.
    Er ließ das Besteck unbenutzt sinken. Er wollte nur noch eins: allein in eine Bar gehen und mit einem Whisky am Tresen hocken. Dazu müsste er nur ein kurzes Stück die 4th Street runter. Am besten mit dem Auto. Gerade wollte er die Kellnerin rufen und sich die Rechnung geben lassen, da hörte er Stimmen hinter sich am Eingang. Er drehte sich um und sah Melissa in einem ihrer leuchtenden Karibikgewänder, grüne Blumen auf rot-schwarzem Grund, ihre Wangen waren heftig gerötet. Sie marschierte an dem Schild »Bitte warten Sie, bis Sie platziert werden« vorbei, gefolgt von - Überraschung! - Darlene, und so stürmisch, wütend und zerzaust, wie die beiden aussahen, konnte man meinen, dass sie sich draußen geprügelt hatten. Sie waren auf der Suche nach ihm. Ein paar Schritte voraus ging Catriona, einen Kleinmädchenrucksack umgeschnallt in Form eines Koalabären, der sich an ihre Schultern klammerte und sich im Huckepack mitnehmen ließ. Sie entdeckte ihren Vater vor den beiden Frauen und lief auf ihn zu, wollte ihn für sich, huschte um die vollbesetzten Tische herum und rief etwas Unverständliches. Als Beard aufstand, um sie zu begrüßen, gab es ihm im Herz einen unvertrauten Stich, doch noch während er die Arme ausbreitete, kamen ihm Zweifel, dass irgendwer ihm jetzt noch Glauben schenken würde, wollte er behaupten, es sei Liebe.

Im Anhang
      

    Nobelpreisrede von Professor Nils Palsternacka von der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften
      
    (aus dem Schwedischen übersetzt)
      

    Ihre Majestäten, Ihre Königlichen Hoheiten,
    meine Damen und Herren,

    dass Sie mich hier vor sich sehen, verdanken Sie den lichtempfindlichen Photopigmenten in Ihren Augen. Dass wir alle es trotz der frostigen Witterung auf den Straßen von Stockholm hier drinnen schön warm haben, schulden wir den Karbonwäldern: Ihr Laub hat mit seinen photosynthetischen Pigmenten das Licht der Sonne aufgefangen, sie haben sich in Form von Kohle und Öl bis in unsere Zeiten erhalten. Das sind einfache Beispiele dafür, wie das Leben auf der Erde vom Zusammenspiel von Strahlung und Materie unterstützt wird. Ende der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dieses Zusammenspiel von Feynman und Schwinger weitgehend entschlüsselt, gegen 1970 betrachteten die meisten Physiker dieses Kapitel als erledigt; die Grundlagenforschung wandte sich anderen Dingen zu, dem Kosmos als Ganzes oder dem Geschehen im Innern der Atome. Eine verblüffende Entdeckung stand jedoch noch aus.
    Die Solvay-Konferenz ist im Kalenderjahr der Physik ein besonders wichtiges Ereignis. Bei dem Treffen 1972 ließ sich eines Spätnachmittags während einer Vortragsreihe plötzlich im Hintergrund des Saals ein Schrei vernehmen. Alle drehten sich um und sahen Richard Feynman ein Bündel Papiere schwenken. »Magie!«, rief er und kam nach vorne gerannt, bat den Redner um Verzeihung und erklomm das Podium. Heftig gestikulierend erklärte er in den nächsten fünf Minuten, wie ein Problem, an dem er sich lange die Zähne ausgebissen habe, von einem jungen Forscher namens Michael Beard in seinem Paper gelöst worden sei.
    Der »magische Moment«

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