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Solar

Solar

Titel: Solar
Autoren: Ian McEwan
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Teil eins
      

    2000
      

    Er gehörte zu jener Sorte Mann - nicht wirklich attraktiv, meist kahl, klein, dick und klug -, die auf gewisse schöne Frauen erstaunlich anziehend wirkt. Jedenfalls wiegte er sich in dem Glauben, und der war bisher nicht erschüttert worden. Zugute kam ihm dabei, dass manche Frauen ihn für ein Genie hielten, das man retten musste. Im Moment allerdings war Michael Beard nicht in bester Verfassung, lustlos, verzweifelt, nur auf eins fixiert, denn gerade ging seine fünfte Ehe in die Brüche. Eigentlich hätte er wissen müssen, wie er sich zu verhalten hatte: langfristig denken und die Schuld auf sich nehmen. Waren Ehen, seine Ehen, nicht den Gezeiten ähnlich? Während die eine verebbte, rollte schon die nächste heran? Mit dieser war es irgendwie anders. Diesmal war er ratlos, wie er sich verhalten sollte, langfristiges Denken war ihm eine Qual, und weit und breit sah er keine Schuld, die er auf sich nehmen konnte. Diesmal war es seine Frau, die eine Affäre hatte, und zwar alles andere als heimlich, sie tat es aus Rache und ganz sicher ohne Gewissensbisse. Seine Gefühle waren ein einziges Chaos, doch immer wieder wurde er von Scham und Verlangen überwältigt. Patrice trieb es mit einem Bauhandwerker, dem Mann, der ihnen kürzlich die Mauern ausgebessert, die Küche eingebaut und ihr Bad neu gefliest hatte, demselben stämmigen Kerl, der Michael einmal wäh rend einer Teepause ein Foto seines Hauses gezeigt hatte, von ihm selbst eigenhändig renoviert und auf Tudor getrimmt, dazu eine alte viktorianische Straßenlaterne an der betonierten Zufahrt - ja selbst für ein abgedecktes Boot auf einem Anhänger und eine ausrangierte rote Telefonzelle war noch Platz. Beard stellte verwundert fest, wie kompliziert es war, der Betrogene zu sein. Unglück war nichts Einfaches. Da sollte noch einer sagen, so spät im Leben sei man gegen neue Erfahrungen gefeit.
    Es geschah ihm recht. Seine vier früheren Frauen, Maisie, Ruth, Eleanor, Karen, die alle noch von fern Anteil an seinem Leben nahmen, hätten frohlockt, und er konnte nur hoffen, dass niemand ihnen davon erzählte. Keine seiner Ehen hatte länger als sechs Jahre gehalten, aber wenigstens hatte er es geschafft, kinderlos zu bleiben. Seine Frauen kamen immer schnell dahinter, dass er nicht zum Vater taugte, und trafen entsprechende Vorkehrungen. Falls sie seinetwegen unglücklich gewesen waren, dann jedenfalls nie sehr lange, dachte er zufrieden, und es wollte doch auch etwas heißen, dass er mit allen seinen Exfrauen noch reden konnte.
    Nur nicht mit seiner jetzigen Frau. In besseren Zeiten wäre er wie ein richtiger Mann zweigleisig gefahren, hätte sie wütend angeschnauzt oder nachts betrunken im Garten randaliert, vielleicht hätte er auch ihr Auto zu Schrott gefahren und gleichzeitig zielstrebig einer anderen, jüngeren Frau den Hof gemacht, um seine Ehe zum Einsturz zu bringen wie Samson den Tempel. Stattdessen lähmte ihn Scham, er fühlte sich unendlich gedemütigt. Schlimmer noch, zu seiner Verblüffung empfand er gerade jetzt eine vollkommen unpassende Sehnsucht nach Patrice. Immer wieder übermannte ihn das Verlangen nach ihr wie ein Magenkrampf. Dann musste er sich irgendwohin zurückziehen und warten, bis es vorüber war. Immerhin gab es Ehemänner, die es erregend fanden, sich ihre Frau in den Armen eines anderen vorzustellen. Die sich gefesselt und geknebelt im Schlafzimmerschrank einsperren ließen, während ihre bessere Hälfte es drei Meter von ihnen entfernt mit einem anderen Mann trieb. War Beard womöglich zum Masochisten geworden? Noch nie hatte er seine Frau so begehrt wie jetzt, wo er sie nicht mehr haben konnte. Demonstrativ besuchte er eine alte Freundin in Lissabon - und kam nach drei freudlosen Nächten zurück. Er wollte seine Frau unbedingt wiederhaben und wagte es nicht, sie durch Gebrüll, Drohungen oder sonstige Ausfälle endgültig zu vertreiben. Zu betteln brachte er allerdings auch nicht über sich. Er war wie gelähmt, fühlte sich erbärmlich, er konnte an nichts anderes denken. War er etwa, als sie ihm das erste Mal einen Zettel hingelegt hatte - Übernachte bei R. Küsschen P. -, zu der tudorisierten, ehemals gemeindeeigenen Doppelhaushälfte, dem Rennboot mit dem Plastiküberzieher und dem Whirlpool im winzigen Garten gefahren, um dem Mann mit dessen Schraubenschlüssel eigenhändig den Schädel einzuschlagen? Nein, er hatte fünf Stunden lang im Mantel vor dem Fernseher gesessen, zwei Flaschen

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