Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Sieben

Sieben

Titel: Sieben
Autoren: Mark Frost
Ads
Ein Briefumschlag
    DER BRIEFUMSCHLAG WAR cremefarben, zart gestreift und ohne Wasserzeichen. Teuer. Man hatte ihn lautlos unter der Tür hindurchgeschoben, weshalb seine Ecken angestoßen und beschmutzt waren. Der Arzt hatte nichts davon bemerkt, obwohl sein Gehör und seine anderen Sinne so scharf und fein waren wie die einer Raubkatze.
    Er hielt sich in dem Zimmer auf, das zur Straße hinausging. Er hatte den ganzen Abend dort verbracht, um sich in ein obskures Buch zu vertiefen. Noch vor fünfundvierzig Minuten hatte er von seiner Lektüre aufgeschaut, denn da war die Petrovitch die Treppe hinaufgegangen. Die scharrenden Tatzen ihres Dackels hatten sie zum trägen Geruch schmorenden Rotkohls und einem Abend voller schwermütiger Seufzer zurückgeführt. Der Arzt hatte ihren spinnenhaften Schatten unter der Tür über die gebohnerten Dielen tanzen sehen. Zu dieser Zeit war der Umschlag noch nicht da gewesen.
    Er erinnerte sich verschwommen daran, sich mehr als einmal gewünscht zu haben, es gäbe eine leichtere Methode, auf das Chronometer zu sehen, als es aus der Weste zu ziehen und aufzuklappen. Aus diesem Grund ließ er es, wenn er den Abend zu Hause verbrachte, stets geöffnet auf dem Lesetisch liegen. Die Zeit - beziehungsweise die Eliminierung ihres sinnlosen Vergeudens - faszinierte ihn. Daher hatte er einen Blick auf die Uhr geworfen, als der Köter und sein dürres, schwermütiges russisches Frauchen vorbeigeschlurft waren: neun Uhr fünfzehn.
    Danach hatte das Buch erneut seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.
Isis Entschleiert.
Diese Blavatsky schien eindeutig einen Dachschaden zu haben. Sie war Russin, wie auch die Petrovitch mit ihrem Pflaumenwein. Wenn man Zarentreue wie sie entwurzelte und auf englischem Boden neu einzupflanzen versuchte, war dann Wahnsinn die unausweichliche Konsequenz? Zufall, dachte er. Eine todunglückliche alte Jungfer und eine größenwahnsinnige, zigarrenrauchende Transzendentale brachten noch keinen Trend in Gang.
    Er wandte sich der Fotografie der Helena Petrovna Blavatsky auf dem Frontispiz zu ihrer ungewöhnlichen Reglosigkeit, dem klaren, durchdringenden Blick. Die meisten Gesichter schrumpften vor dem insektoiden Wirrwarr der Kamera unweigerlich zusammen. Sie hingegen hatte sie durchdrungen und gänzlich verschluckt. Was sollte er von diesem wunderlichen Wälzer halten?
Isis Entschleiert.
Bis jetzt waren es acht Bände; weitere waren angedroht, und keiner von ihnen umfaßte weniger als fünfhundert Seiten. Und dies war nur ein Viertel des Gesamtwerkes dieser Frau ein Werk, das zu vergleichen und zu verdunkeln vorgab und dessen Mangel an Ironie ebenso auffiel wie das Nichtvorhandensein jedes bekannten spirituellen, philosophischen und wissenschaftlichen Denkens. Anders ausgedrückt, es war eine revisionistische Theorie der gesamten Schöpfung.
    Allerdings hatte HPB laut der biographischen Angaben unter ihrem Bild einen Großteil ihres etwa fünfzig Jahre währenden Lebens damit verbracht, die Welt zu bereisen, um in diesem oder jenem okkultistischem Aschram zu leben. Sie schrieb das Entstehen des Buches bescheiden der göttlichen Inspiration zu - dank einer beeindruckenden Namensliste von gen Himmel aufgefahrenen Meistern, die sich wie Hamlets Geist vor ihr materialisiert hatten und von denen sie behauptete, einige dieser Über-Heiligen seien hin und wieder in ihren Kopf eingefahren und hätten die Zügel übernommen. Sie sprach von
automatischem Schreiben.
Sicher, das Buch zeigte eindeutig zwei unterschiedliche Stile - er zögerte noch, sie als »Stimmen« zu bezeichnen -, doch was seinen Inhalt anbetraf, war das Werk ein einziges Kauderwelsch-Sammelsurium: Da ging es um versunkene Kontinente, kosmische Strahlung, Urzeitvölker und die bösen Kabalen Schwarzer Magier. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Er hatte sich in seinen eigenen Schriften zwar ähnlicher Motive bedient, aber sie waren Fiktion - Herrgott noch mal -, wohingegen die Blavatsky das Ganze als Theologie verkaufte! Während er noch innerlich mit sich stritt, schaute er auf, und sein Blick fiel auf den Briefumschlag. War er eben erst angekommen? Hatte womöglich irgendeine unterbewußte Perzeption registriert, daß er über die Türschwelle geschoben worden war, und deshalb seine Beachtung auf sich gezogen? Er konnte sich nicht daran erinnern, etwas gehört zu haben - weder Schritte noch das Knacken eines sich beugenden Knies, auch keine Handschuhberührung auf dem Holz oder dem Papier; niemanden, der

Weitere Kostenlose Bücher

0573 - Tanzplatz des Teufels
0573 - Tanzplatz des Teufels von Werner Kurt Giesa
Der langsame Tanz
Der langsame Tanz von Thommie Bayer
Totgesagt
Totgesagt von Brenda Novak
0296 - Manege der Geister
0296 - Manege der Geister von Werner Kurt Giesa
Der Mann ihrer Traeume
Der Mann ihrer Traeume von Daniel Scheuerer