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Schwarze Schiffe - Kommissar Ly ermittelt in Hanoi

Schwarze Schiffe - Kommissar Ly ermittelt in Hanoi

Titel: Schwarze Schiffe - Kommissar Ly ermittelt in Hanoi
Autoren: Nora Luttmer
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Vom Wasser sah die Stadt wie eine Festung aus, eine abweisende Wand aus Häusern, eng an eng gebaut. Lautlos driftete der Sampan mit dem Strom. Kein Hauch regte sich. Der Fluss war düster und glatt. Der Schlick der Sandbänke glänzte im Mondlicht. Mit gleichmäßigen Ruderstößen bewegte sie das schmale Holzboot vorwärts, lenkte es geschickt zwischen den Sandbänken hindurch, eine Hand an der Pinne. Dann stieß sie mit dem Paddel gegen etwas Hartes, das dicht unter der Wasseroberfläche lag. Es gab einen Ruck, das Boot schaukelte und steckte fest. Der Rumpf hatte sich verkeilt.
    »Beeil dich, Hoa!«, drängte sie ihre kleine Schwester, die im Bug saß. Es blieb nicht viel Zeit. Sie hörte schon die Motoren. Für einen Moment verdeckten diesige Schleierwolken den Mond. Hoa ließ sich in das seichte Wasser gleiten, die Hände am Boot festgekrallt.
    »Los doch, los.« Sie flehte Hoa an. Mit Gewalt löste sie ihre Finger, damit sie endlich losschwamm. Einmal noch schaute Hoa zurück, ihre Blicke trafen sich, und sie hob kurz die Hand. Dann verschwand sie, und der Rumpf eines Motorbootes stieß auch schon unsanft gegen den Sampan.
    Gefesselt und blutend kam sie in einem Raum wieder zu sich. Durch eine Luke drang milchiges Licht. Sie lag auf dem Rücken. Warme Luft strich ihr über die Haut. Trotzdem fror sie. Den Versuch, sich loszumachen, gab sie schnell auf. Jede Bewegung schmerzte. Die Fesseln hatten sich tief in ihre Gelenke geschnitten.Sie lauschte angestrengt. Doch da war nichts. Nur ihr eigenes Wimmern, wie von einem sterbenden Tier.
    Sie schloss die Augen. Ihre Gedanken huschten zu ihrer kleinen Schwester. Sie hatte ihr versprochen, dass alles gut werde. Die Vorstellung, was mit ihr passieren könnte, quälte sie.
    Wie hatte alles angefangen? Sie selbst war so jung gewesen. Sie hatte fest daran geglaubt, die Welt gehöre ihr. Bis zu dieser einen Nacht. Es war die Nacht, in der sie ihre Schulden bezahlen musste. Der scheußliche Geschmack klebte noch immer in ihrem Mund, und das Zeichen brannte auf ihrem Rücken, obwohl die Wunde längst verheilt war. Niemand hatte ihr geholfen. Die anderen Schiffer hatten einfach nur zugeschaut, eingeschüchtert von ein paar Kerlen mit finsteren Gesichtern und dieser Mischung aus Angeberei und Dummheit, die sie erzittern ließ. Feiglinge. Wie sie sie dafür hasste.
    »Wo ist deine Schwester?«, fragte er, leise, fast freundlich. Sie presste ihre Lippen zusammen.
    Die Ohrfeige landete hart auf ihrer Wange, ihr Nacken haute zurück. Er schnaubte, packte sie am Arm, drückte sie bäuchlings auf die Matte, riss ihren Kopf an den Haaren zurück und zwang sie, ihn anzuschauen. Schmerz durchfuhr sie. Nicht an einem bestimmten Punkt. Überall.
    »Wo ist sie?« Jetzt brüllte er.
    Sie blendete den Ton seiner Stimme aus, sah nur noch, dass sein Mund auf- und zuschnappte, sein Gesicht eine böse Grimasse.
    Immer tiefer bohrten sich die Fesseln in ihr Fleisch. Sie spürte das warme Blut auf der Haut und hörte ein Klacken. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Es hämmerte in ihren Ohren. Schrei, schrie es in ihr. Doch es kam kein Wort aus ihr heraus. Sie drückte die Lider fest zusammen und rief das Gesicht ihrer Schwester herbei,aber es verschwand immer wieder, wie in einem Nebel. Sie wusste, was kommen würde. Sie spürte keinen Schmerz, sie hatte nur noch Angst.
    *
    Schon von Weitem sah er die Festfahnen. Es war der fünfzehnte Tag des Mondmonats. Die Menschen pilgerten zu den Altären. Daran hatte er nicht gedacht. Er würde kaum bis zum Tatort im Tempelhof durchkommen. Kommissar Pham Van Ly parkte seine Vespa ein gutes Stück oberhalb der Tempelanlage und ging zu Fuß weiter.
    Es surrte und brummte wie in einem Termitenhügel. Und es roch nach Öl und Grillfleisch. Er kaufte eine Tüte banh tom , frittierte Garnelen in einem Teig aus Süßkartoffeln. Sie waren heiß und knackten zwischen den Zähnen.
    Ly ließ sich von der Menge schieben. Von hinten stieß ihn etwas in den Rücken, ohne dass er ausmachen konnte, was oder wer es gewesen war.
    Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne. Er näherte sich dem Tay-Ho-Tempel mit seinen ausladenden, an den Ecken aufgeschwungenen Dächern. An Tischen am Straßenrand arrangierten Pilger ihre Opfergaben auf runden Aluminiumtabletts: Klebreis, Mangos, Betelnüsse, Coladosen, Schnapsflaschen, gekochte Hühner und Geldscheine, vietnamesische Dong und amerikanische Dollar. Geschenke für die

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