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Schleichendes Gift

Schleichendes Gift

Titel: Schleichendes Gift
Autoren: Val McDermid
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Freitag
    D ie Mondphasen haben eine unerklärliche, aber unbestreitbare Wirkung auf Geisteskranke. Alle Pfleger psychiatrischer Anstalten bestätigen das. Es gilt unter ihnen als allgemein anerkannte Wahrheit. Bei Vollmond macht keiner freiwillig Überstunden. Es sei denn, er wäre in einer absolut verzweifelten Lage. Auch Verhaltensforschern verursacht diese Wahrheit Unbehagen, denn es geht hier nicht um etwas, das sich einer unglücklichen Kindheit oder der Unfähigkeit zu sozialem Verhalten zuschreiben ließe. Es ist ein von außen einwirkender Rhythmus, der sich durch keinerlei Behandlung überwinden lässt. Diese Kraft lässt die Fluten steigen und reißt die Irren aus ihren gestörten Bahnen.
    Die innere Dynamik des Bradfield Moor Secure Hospital unterlag dem Sog des Vollmonds genauso, wie sein Name vermuten ließ. Manche der dort Beschäftigten waren der Meinung, dass Bradfield Moor ein Aufbewahrungsort für jene Geisteskranken sei, die zu gefährlich waren, um frei herumzulaufen. Andere sahen darin einen Zufluchtsort für Wesen, die für das erbarmungslose Chaos des Lebens draußen zu zerbrechlich sind. Und für den Rest war es ein vorübergehender Unterschlupf, der die Hoffnung bot, in eine nicht allzu streng definierte Normalität zurückkehren zu können. Die dritte Gruppe war, was kaum überraschen wird, in der Minderzahl und wurde von den beiden anderen zutiefst verachtet.
    In jener Nacht war nicht nur Vollmond, sondern auch eine partielle Mondfinsternis. Als die Erde zwischen ihrem Satelliten und der Sonne vorbeizog, nahmen die fahlen Schatten der Mondoberfläche nach einem kränklichen Gelb- allmählich einen dunklen Orangeton an. Für die meisten Beobachter besaß die Mondfinsternis eine geheimnisvolle Schönheit und rief Staunen und Bewunderung hervor. Lloyd Allen hingegen, einer der Patienten des Bradfield Moor Hospital, die sich relativ frei bewegen konnten, sah darin den schlüssigen Beweis für seine Überzeugung, dass die letzten Tage der Menschheit bevorstanden und es seine Pflicht sei, so viele Menschen wie möglich vor ihren Schöpfer treten zu lassen. Man hatte ihn in die Anstalt gesperrt, bevor er sein Ziel erreichen konnte, möglichst viel Blut zu vergießen, damit bei der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi die Seelen leichter gen Himmel aufsteigen konnten. Da er an der Ausführung seiner Mission gehindert worden war, brannte diese nun umso stärker in ihm.
    Lloyd Allen war nicht dumm, was die Arbeit seiner Bewacher umso schwieriger machte. Die Pfleger in der Psychiatrie waren mit unbedarften Täuschungsmanövern vertraut und konnten sie relativ leicht durchkreuzen. Viel schwieriger war es, die Pläne derer vorauszusehen, die verrückt, aber intelligent agierten. In letzter Zeit hatte Allen eine Methode entwickelt, die ihm erlaubte, seine Medikamente nicht mehr einnehmen zu müssen. Die erfahrenen Pfleger kannten solche Tricks und wussten, wie man sie abwenden konnte, aber Neulingen wie Khalid Khan fehlte noch die nötige Gewieftheit.
    Allen hatte es am Abend vor der Vollmondnacht geschafft, zweimal der Chemiekeule zu entgehen, die Khan ihm verabreicht zu haben glaubte. Als die Verfinsterung sichtbar wurde, tönte in Allens Kopf ein leise trommelnder, ständig wiederkehrender Satz. »Bring sie zu mir, bring sie zu mir, bring sie zu mir«, dröhnte es ohne Unterlass in seinem Inneren. Von seinem Zimmer aus konnte er ein Stück des Mondes sehen, auf dessen Gesicht sich die prophezeite blutige Flut ausbreitete. Die Zeit war gekommen. Die Zeit war tatsächlich gekommen. Aufgeregt ballte er die Fäuste, stieß wie ein verrückter Boxer vor einem Angriff die Unterarme alle zwei Sekunden ruckartig nach oben und ging dann wieder in Deckung.
    Er drehte sich um und stolperte ungeschickt auf die Tür zu. Er musste hinaus, um seine Mission zu erfüllen. Der Pfleger würde bald mit den Medikamenten für die Nacht da sein. Dann würde ihm Gott die Kraft geben, die er brauchte. Gott würde ihn hinausführen, Gott würde ihm den Weg zeigen. Gott wusste, was er tun musste. Er würde sie zu Ihm bringen. Die Zeit war reif, der Mond verströmte Blut. Die Zeichen mehrten sich, und er musste seine Aufgabe vollenden. Er war erwählt, er war der Weg zur Rettung der Sünder. Er würde sie zu Gott bringen.

    Der Lichtkegel erhellte ein kleines Stück der Schreibfläche auf einem schäbigen Kliniktisch. Eine Akte lag offen da, und eine Hand mit einem Kugelschreiber schwebte über dem Rand der Seite. Im

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