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Samuraisommer

Samuraisommer

Titel: Samuraisommer
Autoren: Ake Edwardson
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Ake Edwardson
     
    Samuraisommer
     
     
    Aus dem
Schwedischen von Angelika Kutsch
     
    Für meine
Töchter Hanna und Kristina
     
     
    1
     
    Ich wünschte, es wäre eine geheime Geschichte. Manchmal wünschte ich,
es gäbe überhaupt keine Geschichte zu erzählen. Vielleicht wäre das besser für
alle gewesen. Aber dann denke ich wieder das Gegenteil. Das Beste, was passieren
konnte, ist passiert.
    Jetzt ist es spät, Mitternacht. In den Häusern des Camps herrscht
Stille. An der Decke dieses Hauses hängt ein Licht, das blauen Schein
verbreitet und den Boden nicht richtig erreicht. Ich sitze auf dem Boden. Er
besteht aus Erde. Das Licht dort hoch oben am Himmel ist der Mond.
    Ich sitze schon ziemlich lange hier, neben mir liegt mein langes
Schwert, mein Katana. In diesem Licht ist es nicht mehr als ein Schatten. Am
Gürtel habe ich mein kurzes Schwert, mein Wakizashi. Ich spüre den Schaft, wenn
ich mich bewege, aber ich will mich nicht bewegen. Im Moment möchte ich
überhaupt nichts tun. Ich habe eine Geschichte zu erzählen.
    Es ist immer noch ein wenig hell, denn es ist Sommer. Sommerende. Dies
war mein letzter Sommer hier. Das hoffe ich später erklären zu können, wenn es
geht. Aber ich bin nicht sicher, ob sich überhaupt etwas erklären lässt. Dinge
geschehen, manchmal, weil sie geschehen müssen, manchmal, obwohl sie es nicht
müssten. Und die schrecklichsten Dinge sind am schwersten zu erklären.
     
    Dort, wo ich sitze, gibt es fast keine Wände mehr und ich kann die
Geräusche der Nacht hören. Ein Vogel schreit überm See. Ich habe ihn schon
einmal gehört, ich glaube, es ist derselbe, er scheint auch nicht schlafen zu
können, genau wie ich. Nur dieser Vogel irrt am Himmel überm See herum und
schreit. Vielleicht fliegt er im Schlaf. Vielleicht schreit er im Schlaf und
macht damit die anderen Seevögel verrückt. Morgens sind die Haubentaucher immer
so müde, dass sie fast ertrinken, wenn sie unter der Wasseroberfläche nach
Fisch tauchen.
    Diese Geschichte handelt vom See und vom Wald.
    Vor ein paar Wochen bin ich zwölf geworden. Meine Eltern haben mich
Tommy genannt, aber jetzt heiße ich Kenny. Im letzten Sommer hab ich mich
selbst so getauft. Ich stand in einem Bach und goss Wasser über die Schwertklinge,
bis sich das Wasser in Blut verwandelte. Da strich ich es auf meine Stirn und
wurde Kenny. Der Name kommt von ken, dem japanischen Wort für Schwert.
    Ich bin ein Samurai. In Japan wird man als Samurai geboren, und wenn
man fünf Jahre alt ist, bekommt man seine Samuraikleidung und ein Schwert. So
viel Glück hatte ich nicht.
    Wieder schreit der schlaflose Vogel dort draußen. Jetzt ist er nicht
mehr so deutlich zu hören. Ich bin ein wenig müde, aber dies wird eine lange
Nacht.
     
    2
     
    Manchmal werde ich ganz plötzlich schrecklich wütend, und dann kann es
passieren, dass ich jemanden, den ich nicht mal kenne, einen verdammten
Scheißdreck nenne. Ich habe schon viel geflucht in meinem Leben. Ich weiß
nicht, warum. Mutter flucht nicht. Sie hat es mir schon eine Million Male
verboten, aber es hilft nichts.
    Früher hab ich mich zu Hause oft geprügelt, einfach so, ohne
nachzudenken.
    Jetzt prügle ich mich nicht mehr. Ein Samurai bewahrt immer Ruhe.
Vielleicht bin ich noch kein fertiger Samurai, einer, der immer ruhig bleibt
wie ein Fels, aber das ist nur eine Frage des Trainings. Wenn ich manchmal doch
fluche, dann nur, weil ich noch nicht den Einklang von Seele und Schwert
erreicht habe: Satori. Das Schwert ist dann nicht mehr nur eine Waffe, es ist
etwas, das man braucht, um Frieden zu empfinden. Dazu muss man allerdings auch
ein Meister des Schwertes sein.
     
    Nach dem Frühstück habe ich immer versucht, mich wegzuschleichen, um
zu üben, Ruhe zu bewahren. Aber das war nicht leicht. Hier im Camp waren wir
vierzig Gefangene und der Drill begann schon am Morgen, wenn alle raus zur
Toilette und danach ihre Betten bauen und aufräumen mussten und all das. In
meinem Saal schliefen zehn Jungen. Gegenüber war noch ein Saal mit zehn Jungen
und unter uns gab es zwei Mädchensäle. Manchmal hörte man etwas von unten. Ein
Mädchen, das weinte, wahrscheinlich nach seiner Mutter.
    Eines Nachts hörte ich ein Geheul durch den Fußboden. Am nächsten Tag
dachte ich daran, aber ich bekam nie heraus, was es gewesen war. Aus den Sälen
der Mädchen war selten Lachen zu hören. Das hätte man eigentlich hören müssen,
Lachen dringt ja überall durch. Aber dies war kein Camp, wo man lachen

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