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Plan D

Plan D

Titel: Plan D
Autoren: Simon Urban
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    W egener öffnete den Reißverschluss der Cordhose, zog mit zwei Fingern seinen Penis heraus und entspannte sich. Ein paar Sekunden war es vollkommen still, dann prasselte der heiße Urin auf das trockene Laub, immer schubweise, ein Schwall versiegte, dann kam der neue, wuchs zu einem dampfenden Bogen und verkümmerte wieder, wurde vom nächsten abgelöst. Wegener stellte sich breitbeiniger hin, zählte mit, zum zehnten, zum elften, zum zwölften Mal baute sich der dünne Strahl auf, krümmte sich und ging ein, plötzlich unterbrochen, dann tröpfelte es nur noch.
    Wer sich vom Tatort entfernt, sollte wenigstens nicht mit bepissten Schuhen zurückkommen, hatte Früchtl immer gesagt und es selbst nie geschafft, und wenn er vorher nichts gesagt hätte, wären seine Schuhe hinterher niemandem aufgefallen.
    Wegener legte den Kopf in den Nacken. Starrte in die Nacht. Die Metallverkleidung der Pipeline glänzte im Mondlicht, ein silbriger Streifen, der sich rechts und links zwischen den Bäumen verlor. Dieser Streifen würde weiterglänzen, wenn man ihm folgte, wenn man im immer gleichen Abstand zur Leitung bliebe und das Mondlicht im richtigen Winkel auf das Blech treffen ließ, durch ein verschwommenes Labyrinth aus Eichenstämmen und den Betonpfeilern des Pipeline-Viadukts, kilometerweit über den knisternden Laubboden bis zur Sektorengrenze.
    Diese Röhre leuchtet einem immer noch den Weg in den Westen, dachte Wegener, diese Röhre ist der fette Ariadnefaden des Sozialismus. Und musste lächeln. Oben würden sie sich das anhören und die Köpfe wiegen und sagen: Oberflächlich betrachtet, bitte, aber wer genau hinsehe, dem falle doch wohl auf, dass diese Röhre vielmehr den Weg in den Osten leuchte, tief hinein in die Sozialistische Union, bis in den Ural, sogar bis nach Sibirien, das sei doch ein entscheidender Unterschied, nur das Gas wandere schließlich westwärts, sonst nichts.
    Wegener schüttelte seinen Penis, schob ihn zurück in die Hose, zog den Reißverschluss hoch. In der Tiefe des Waldes flammten die Scheinwerfer der Spurensicherung auf, gleißende, durch Baumstämme zerteilte Flecken, die immer mehr wurden, die schnell zu einem großen Fleck zusammenwuchsen, auf den er jetzt halbblind zusteuerte wie auf das Licht am Ende eines lichtlosen Tunnels, über Äste und Gesträuch stolpernd, bis es hell genug war für einen Blick auf seine Schuhe: Zwei Flecken auf dem rechten, einer auf dem linken.
    Acht Strahler hatten Lienecke und seine Leute aufgestellt, je vier auf jeder Seite der Pipeline, die jetzt nicht mehr silbrig glänzte, sondern fleckig und vermoost aussah, der größte unter den vielen, schäbigen Versorgungskanälen, die Ostdeutschland in immer dünnere Streifen schnitten. Hinter dem flatternden Absperrband waren der Vertreter des Energieministeriums und seine Sicherheitsbeamten längst zu gelangweilten Gaffern erstarrt. Neben ihnen brummte der Generator auf seinem Hänger, rote Kabel schlängelten sich wie ausgehärtete Blutspuren den Hügel hinauf durchs Laub. Lienecke verteilte kartonweise Müllbeutel. Seine Assistenten begannen so ameisenartig Laub zu harken und in die Säcke rieseln zu lassen, als hätte das Politbüro gerade mit sofortiger Wirkung trockene Blätter verboten. Wie immer, wenn er Lienecke und seine Leute bei der Arbeit sah, tauchend, kletternd, grabend, abklebend, schabend, eintütend, sortierend, fegend, kratzend, war Wegener froh, mit solchen Puzzlespielen nichts zu tun zu haben, sich auf diese Typen verlassen zu können, die früh genug erkannt hatten, dass Glück und Unglück von einem Tropfen Schweiß, Sperma oder Urin auf dem Schuh abhingen und dass unerschöpfliche Geduld eine seltene Gabe war, mit der man es weit bringen konnte, vor allem in der Deutschen Demokratischen Republik.
    Keiner der Assistenten redete während der Arbeit. Auch Lienecke sagte nichts. Nur der Generator brummte und das Laub raschelte. Ab und zu knackte ein Ast. Die sechs gleichmäßig wühlenden Männer in den weißen Ganzkörperanzügen kamen Wegener vor wie seltsam beherrschte Tiere auf einer ebenso mühseligen wie vergeblichen Nahrungssuche. Diese Spurensucher-Spezies verständigte sich mit unsichtbaren Zeichen, steckte telepathisch ihr Revier ab, besaß eine geheime Choreografie, stakste wie eine lethargische Population Albino-Storche über den Waldboden, synchrone Zeitlupe, alle in Reihe, ein Schritt pro Minute. Wegener drehte sich zu den beiden Uniformierten um, die an ihrem Phobos lehnten

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