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Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman

Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman

Titel: Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman
Autoren: Carin Gerhardsen
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entfernt. Er lief über die Straße, hielt sich am Hantverks-Gymnasium links und verschwand zwischen den Häusern des Trädskolan-Viertels. Nach einer Weile erreichte er den Park mit seinen ungewöhnlichen Bäumen und Büschen, diese letzte Erinnerung an die alte Baumschule, die Ende der achtziger Jahre einem Neubaugebiet weichen musste. Der Weg führte an einem Gebüsch vorbei zum Spielplatz der Reihenhaussiedlung. Im Sandkasten saßen zwei schlammbedeckte Kinder in Matschhosen, das dritte – ein anderthalbjähriges Mädchen – hatte die Leiter zur Rutsche bis zur obersten Sprosse erklommen.
    »Moa, mein Engel, halt dich gut fest, damit du nicht runterfällst und dir wehtust«, rief er, lange bevor er die Rutsche erreichte.
    Das Gesicht des kleinen Mädchens leuchtete auf, sie begann sofort hinunterzuklettern. Auch die beiden größeren Kinder stürmten auf ihren Vater zu. So gut wie möglich versuchte er, sie zu umarmen und gleichzeitig auf Abstand zu halten.
    »Hallo, ihr drei!«, sagte er. »Passt auf, ich habe noch meinen Anzug an. Kommt, lasst uns zu Mama nach Hause gehen!«
    Kaum hatte er zu Ende gesprochen, warf sich Moa von der Leiter hinunter in seinen Arm. Er musste sein sauberes Jackett opfern, doch dafür gab es einen feuchten Kuss auf sein Kinn. In einem verzweifelten Versuch, das Jackett noch zu retten, trug er sie mit entschlossenen Schritten und ausgestreckten Armen vor sich her, die beiden anderen Kinder folgten ihm auf dem Fuße. Auf den Stufen zu seiner Haustür stellte er Moa wieder auf ihre Füße.
    »Hallo!«, rief er, noch während er die Tür öffnete. »Ich habe drei Dreckspatzen dabei, du musst mir helfen!«
    »Zieht euch die Stiefel aus, bevor ihr reingeht«, sagte er zu den beiden größeren Kindern, während er in die Hocke ging und begann, die Kleine auszuziehen.
    Mit einem Lächeln erschien Pia in der Türöffnung. Sie trug Jeans, ein in der Taille zusammengeknotetes Hemd und hatte ihr dickes schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
    »Hallo, mein Schatz«, sagte sie, beugte sich hinunter und küsste ihn in den Nacken. »Wie war dein Tag?«
    »Gut, aber ich muss gleich noch mal los und mir ein Haus angucken. Es ist hier in der Nähe, also wird es wohl kaum mehr als eine Stunde dauern. Wollen wir den Kleinen gleich was zu futtern geben? Dann können wir essen, wenn sie im Bett sind.«
    »Okay, wann musst du los?«
    »Wir bringen die Kinder zusammen ins Bett, und ich mache mich dann in einer Stunde auf den Weg.«
    Als es ihm endlich gelungen war, dem Mädchen die dreckige Hose auszuziehen, schoss sie mit fröhlichem Geheul wie der Blitz durch die Haustür hinein. Die beiden anderen hatten ihre Kleider selbst ausgezogen, die jetzt auf der ganzen Treppe verstreut lagen. Er richtete sich auf und unternahm einen halbherzigen Versuch, die Schlammflecken mit der Hand von seinem Jackett zu wischen. Pia sammelte Stiefel und Kleidung der Kinder ein und ging ins Haus. Hans zog die Tür mit einem Knall hinter sich zu, sodass der Türklopfer laut auf das Holz schlug.
    Keiner von ihnen hatte den Mann bemerkt, der sie aufmerksam durch die nackten Zweige des Holunderbusches auf der anderen Seite des Spielplatzes beobachtet hatte.
    *
    Thomas wusste nicht, wie lange er hier draußen im Dunkeln gestanden und spioniert hatte, in seiner Fantasie befand er sich längst in der warmen, gemütlichen Küche. Es roch nach gebräunter Butter und gebratenem Fleisch. Eine Zeit lang liefen alle von einem Zimmer zum anderen und machten alle möglichen Sachen, doch nach einer Weile wurde es ruhiger, und einer nach dem anderen setzte sich an den Esstisch.
    Thomas konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gemeinsam mit anderen Menschen gegessen hatte. Wenn er arbeitete, aß er zwar in der großen Kantine, umgeben von vielen anderen Menschen, aber dennoch für sich allein. Seine Eltern lebten nicht mehr, Geschwister hatte er nicht, auch sonst keine Verwandten, mit denen er sich traf, und keine Freunde. Wie wundervoll, jemanden zu haben, der zu Hause auf einen wartete! Wie wundervoll es doch wäre, einen Freund zu haben, einen Menschen, mit dem man über alles Wichtige und Unwichtige reden, mit dem man einfach mal essen könnte. Wie schön könnte es sein, Essen zu kochen, wenn man es nicht nur für sich allein tat.
    Das Abendessen war zu Ende, die Betriebsamkeit in der Küche war genauso plötzlich vorbei, wie sie vorhin begonnen hatte. Die Haustür öffnete sich, ein geliebter Familienvater trat

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