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Die verbotene Pforte

Die verbotene Pforte

Titel: Die verbotene Pforte
Autoren: Nina Blazon
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HINTER DER MAUER
    Die Dämonen hatten eine Torte bestellt. Sie hatte nicht viel mit den rosa eingefärbten Marzipan- und Sahne-Kolossen zu tun, wie die Schicksalsfrauen sie gerne für ihre Patenkinder in Auftrag gaben. Das Ungetüm, dem Dopoulos gerade den letzten Schliff gab, erinnerte eher an einen verkohlten Berg. Die Sahne darauf war mit Pfeffer und getrockneter Oktopustinte dunkel eingefärbt.
    »Gib mir eine Zierschnur, Tobbs!«, brummte Dopoulos. »Eine müsste noch im Karton sein.« Tobbs ließ sich auf den Knien neben der großen Kiste nieder, die unter dem Tisch stand. Alles Mögliche fand sich darin: Marzipankugeln, Zuckerperlen und »Spinnenschleier« aus Salzwurzelsirup, die man malerisch über Gebäck und Kuchen breiten konnte. Und natürlich auch jede Menge Kerzen. In Dopoulos’ Taverne wurde oft Geburtstag gefeiert, auch wenn die meisten Geburtstagskinder nach den ersten hundert Jahren die Lust daran verloren. Manche der Kerzen sahen aus wie Eiszapfen, andere waren unscheinbare Bündel gelblicher Stangen. Tobbs beugte sich tief über die Kiste und suchte nach den auffälligen glutroten Kerzen, die der Wirt erst vor einigen Tagen unter den Sirupnetzen versteckt hatte. Sein Herz machte einen freudigen Satz, als er sah, dass die Kerzen verschwunden waren.
    »Schlägst du da unten Wurzeln?«, rief Dopoulos.
    Tobbs griff sich die Zierschnur und schoss mit hochrotem Kopf nach oben. Dopoulos sah ihn scharf an.
    »Was grinst du denn wie ein betrunkener Schnapsgeist?«
    »Hier ist sie!«, rief Tobbs statt einer Antwort und hielt dem Wirt die Schnur hin. »Aber sie ist rot-weiß geringelt – sieht aus wie eine Zündschnur, oder?«
    Dopoulos zuckte mit den Schultern. »Das ist die einzige, die wir noch haben. Na, für heute lass uns hoffen, dass die Dämonen nicht etwas Ähnliches denken und ein paar Tricks damit versuchen.« Er seufzte und legte seine Stirn in Falten. »Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich schlage drei Kreuze, wenn diese Veranstaltung vorbei ist.« Seine Halbglatze glänzte im Licht der Öllampen und seine dicken Finger zitterten, während er versuchte, die Schnur möglichst dekorativ an der Torte anzubringen.
    »Das wird bestimmt aufregend!«, erwiderte Tobbs gut gelaunt. »Wanja hat erzählt, dass die Dämonenfrauen sehr gut tanzen können.«
    »Ja, und dabei beißen sie dir den Kopf ab«, brummte der Wirt. »Also, sei höflich und halte dich fern von der Braut. Ich habe keine Lust, mir einen neuen Schankjungen zu suchen. Und sag Wanja, sie soll dir endlich mal das Haar schneiden – so ein magerer, schlaksiger Kerl und so viele Haare! Du siehst aus wie ein Pony. Ein Wunder, dass du überhaupt noch etwas siehst.«
    Tobbs strich sich die schwarzen glatten Strähnen aus der Stirn. Die nächste Frage lag ihm bereits auf der Zunge, aber er befolgte Wanjas Rat und zählte, statt zu fragen, langsam bis zwanzig. Es gab Tage, da konnte man Dopoulos fast alles sagen, und Tage, da brodelte unter der scheinbar so ruhigen Oberfläche ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen konnte. Wenn Dopoulos’ Augenringe so dunkel waren wie heute und seine Augen so verschwollen von der durchwachten Nacht, dann war Vulkantag, und es war besser, ihm nicht zu widersprechen. Siebzehn … achtzehn … neunzehn …, zählte Tobbs in Gedanken, doch die Frage, die wichtigste Frage von allen, ließ sich nicht mit Zählspielchen einschläfern. Schließlich konnte Tobbs nicht länger widerstehen.
    »Und nach der Hochzeit …«, platzte er heraus, »also morgen, meine ich, dann feiern wir …«
    »… deinen Geburtstag, jaja«, knurrte Dopoulos.
    »Und dann erzählst du mir alles, was du herausgefunden hast über …«
    »… die Leute, die dich damals hier vergessen haben, jaja.«
    »Wanja und du, ihr wart deswegen letzte Woche so lange in der Stadt, nicht wahr? Ihr habt nachgeforscht!«
    Dopoulos gab keine Antwort. Vielleicht hatte er die Frage tatsächlich nicht gehört, viel wahrscheinlicher war jedoch, dass er sich wieder einmal taub stellte.
    »Den dreizehnten, stimmt’s?«, bohrte Tobbs weiter. »Ich werde dreizehn. Oder nicht?«
    Dopoulos drückte die Zündschnur tiefer in die Sahne. »Wenn es dir wichtig ist – ja. Wahrscheinlich. Vermutlich. Wer weiß das schon so genau. Jedenfalls siehst du aus wie jemand, der dreizehn Jahre alt ist. Bisschen mickrig vielleicht, aber trotzdem.«
    »Aber du hast doch gesagt …«
    »Jaja. Aber du weißt ja, wie es hier in unserer Taverne ist. Eine Nacht kann ein

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