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Persilschein

Persilschein

Titel: Persilschein
Autoren: Jan Zweyer
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Lauter, deutlicher. Es klang wie … Sie lauschte erneut in die Dunkelheit. Ja, jetzt war sie sicher, da war ein dumpfes Röcheln! Ein Tier?
    Mechthild machte einige Schritte von der Straße fort auf einen der Wege, die die Schutthaufen trennten. Das Röcheln war nun unüberhörbar. Das konnte kein Tier sein – diese Geräusche stammten von einem Menschen!
    Sie fasste sich ein Herz und ging weiter. Als sie die Reste einer Hausecke erreichte, verharrte sie für einen Moment und lugte in den dunklen Garten. Zunächst waren nur Schemen auszumachen. Dann aber fegte der Wind die Wolken beiseite und Mechthild konnte die Szene im Mondlicht deutlich erkennen. Im Garten stand ein Mann, der sich mit einem blitzenden Messer in der Hand über einen Körper beugte.
    Die junge Frau wich entsetzt zurück und stieß einen erstickten Schrei aus. Sofort presste sie ihre Hand auf den Mund, aber es war zu spät.
    Der Mann fuhr herum. Für einen Moment sah sie sein Gesicht. Und er ihres. Sie kannte ihn. Und er, das wurde ihr mit Schrecken klar, kannte sie auch. Ihr schien, als ob er sich nach kurzem Zögern auf sie zubewegte. Mechthild stockte der Atem. Dann hörte sie von der Straße her Stimmen, die sich unterhielten. Andere Passanten. Schutz! Rettung! Sie drehte sich um und rannte so schnell sie konnte. Nur weg von hier!
    Die Gestalt, die das Geschehen aus dem Dunkel der Ruine beobachtet hatte, blieb von beiden unbemerkt.
    2
     
    Freitag, 22. September 1950
     
    Wer hat den Toten gefunden?« Hauptkommissar Peter Goldstein wandte sich seinem Kollegen Heinz Schönberger zu.
    »Spielende Kinder. Heute Mittag.«
    Die beiden Polizisten grüßten den uniformierten Beamten, der den Zugang zum Grundstück sicherte, mit einem Kopfnicken.
    »Genau genommen war es kurz nach ein Uhr, als der Anruf bei uns einging. Die Kinder mussten erst zu einer Gaststätte laufen, die glücklicherweise über ein Telefon verfügte. Der Wirt hat uns dann benachrichtigt.«
    »Haben wir die Namen der Kinder?«
    »Ja.«
    Der fünfundfünfzigjährige Goldstein blieb stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Links und rechts befanden sich Hausruinen, vor ihnen lag ein verwilderter Garten von beachtlicher Größe. In der Mitte des Gartens wuchs ein Busch, unter dem eine leblose Person lag. In einiger Entfernung standen zwei weitere Polizisten und rauchten.
    Goldstein ging zu ihnen. »Guten Tag. Ist die Spurensicherung schon verständigt?«
    »Ja. Müsste jeden Moment hier sein«, antwortete einer der Männer. »Und die Gerichtsmedizin ist auch informiert.«
    »Prima.« Goldstein nahm den Toten näher in Augenschein und achtete darauf, wohin er seine Füße setzte. Der Mann lag auf dem Rücken, war etwa fünfzig Jahre alt, von untersetztem Körperbau und hatte volles, dunkles Haar. Seine Augen waren geschlossen, der Mund weit aufgerissen. Die Goldzähne waren nicht zu übersehen. Der Tote trug einen teuer aussehenden Mantel mit Pelzbesatz, einen grauen, scheinbar neuen Anzug und schwarze Lederschuhe. Zwei Finger seiner rechten Hand schmückten protzige Ringe. Am auffälligsten jedoch war der breite Schnitt, der seine Kehle von einem bis zum anderen Ohr durchtrennt hatte. Sein Blut hatte Anzug und Mantel durchtränkt und rotbraune Spuren in der Erde hinterlassen.
    Der Hauptkommissar richtete sich mit einem leichten Stöhnen wieder auf. Obwohl er immer noch schlank war und von Zeit zu Zeit sogar Sport betrieb, plagten ihn immer häufiger Rückenschmerzen. Das Alter, dachte er. Wenigstens konnte er sich noch seiner vollen Haarpracht erfreuen. Es gab jüngere Kollegen, deren Mittelscheitel halb so breit waren wie ihre Köpfe. »Was können Sie mir sonst noch mitteilen?«, fragte er die Beamten.
    »Wir haben die Tatwaffe entdeckt«, antwortete der zweite Polizist und trat seine Zigarette im hohen Gras aus. »Ein Messer.«
    Goldstein warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Der Mann verstand sofort, bückte sich und schob die Kippe in die Uniformjacke. »Verzeihung«, murmelte er.
    Goldstein ignorierte die Entschuldigung. »Wo?«
    Der Beamte zeigte auf einen Reisighaufen. »Da hinten. Soll ich Ihnen den Fundort zeigen?«
    »Damit wir noch mehr hier herumtrampeln? Natürlich nicht. Erst lassen wir die Spurensicherung ihre Arbeit tun.« Goldstein schüttelte den Kopf. »Haben Sie das Messer angefasst?«
    Die beiden verneinten. »Spuren sind jedenfalls keine mehr zu finden«, ergänzte der Beamte diensteifrig.
    »Hm. Die Suche nach Spuren sollten wir doch besser den

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