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Persilschein

Persilschein

Titel: Persilschein
Autoren: Jan Zweyer
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Zweyer, Jan
     
    Persilschein
    (2012)
    Copyright
© 2011 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: http://www.grafit.de
E-Mail: [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Dorothea Posdiena, http://www.posdiena.de
eBook-Produktion: CPI – Clausen & Bosse, Leck
eISBN 978-3-89425-857-3
    Der Autor
     
    Jan Zweyer, geboren 1953 in Frankfurt am Main, lebt schon seit vielen Jahren in Herne. Sein halbes Leben war er in unterschiedlichen Funktionen bei verschiedenen Industrieunternehmen beschäftigt, heute ist Zweyer freier Schriftsteller.
    Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen und -kurzgeschichten erschien 2007 das erste Buch der Trilogie um Peter Goldstein, das zur Zeit der Weimarer Republik spielt: Franzosenliebchen. In Goldfasan ermittelt Peter Goldstein unter Naziherrschaft und nun in Persilschein im Nachkriegsdeutschland.
    www.jan-zweyer.de
    1
     
    Mittwoch, 20. September 1950
     
    Ihr Mann war in Russland geblieben. Lange Zeit hatte Mechthild Krafzyk geglaubt, er sei gefallen und irgendwo in dem riesigen Land verscharrt worden. Das Grab ohne Kreuz und Inschrift. Ein namenloser Toter, so wie Millionen andere auch. Ihre Suchanfragen beim Roten Kreuz endeten immer gleich: mit einem kurzen, lapidaren Antwortschreiben, welches alle Hoffnungen zerstörte. Uns liegen leider keine Hinweise auf den Verbleib des Vermissten vor. Immer wieder dieser eine Satz. Irgendwann hatte sie sich damit abgefunden, zukünftig allein für ihr Kind sorgen zu müssen.
    Doch dann war eine Postkarte von ihrem Liebsten eingetroffen. Ich lebe. Mir geht es gut. Ich liebe dich. Ohne Absender, lediglich mit einer Ortsangabe in kyrillischer Schrift, daneben in deutschen Großbuchstaben: Karabasch . Sie hatte im Atlas nachgeschaut. Westsibirien, südlicher Ural. Ein Kriegsgefangenenlager.
    Diese neun Worte gaben ihr neue Zuversicht. Aber leichter wurde ihr Schicksal deshalb nicht. Zur Ungewissheit gesellte sich nun das Warten.
    Ein halbes Jahr später hatte sie die nächste Karte erreicht. Auf ihr stand endlich eine Adresse. Sie hatte geantwortet, lange Briefe geschrieben. Briefe, von denen sie nicht wusste, ob sie ihren Mann je erreichen würden. So ging es Jahr für Jahr. Zwei Karten. Ihre Briefe. Die Ungewissheit. Und das Warten.
    Mechthild Krafzyk arbeitete als Verkäuferin in einem Bochumer Kaufhaus. Sie war froh, diese Stelle gefunden zu haben, sicherte sie ihr doch ein bescheidenes Auskommen. Sie war mit ihrer Situation zufrieden. Andere Frauen mussten für weniger Geld als Ziegelsteinputzerinnen arbeiten. Sie waren Wind und Wetter ausgesetzt, trugen alte Arbeitskleidung und reinigten die Steine der Trümmergrundstücke.
    Während sie tagsüber arbeiten war, musste ihre Tochter Ursula allein zurechtkommen. Morgens ging sie zur Schule, kam mittags nach Hause zurück und wärmte sich das vorbereitete Essen auf. Danach erledigte sie ihre Schularbeiten und blieb den Rest des Tages allein. Ein Schlüsselkind ohne Vater. Wie so viele.
    Noch einsamer wurde der Tagesablauf des Mädchens, wenn im Kaufhaus, in dem Mechthild beschäftigt war, die monatliche Inventur anstand. Dann endete ihr Arbeitstag erst spät und Ursula war auch in den Abendstunden sich selbst überlassen. So wie heute.
    Mechthild war zunächst mit der Straßenbahn von der Bochumer Innenstadt Richtung Wanne-Eickel gefahren. Dann stieg sie in Nähe der Stadtgrenze aus, um zu ihrer Wohnung im Stadtteil Hordel zu gelangen. Dazu musste sie einige Hundert Meter Straße passieren, deren Häuser fast vollständig durch Bomben zerstört worden waren. Die Trümmer türmten sich links und rechts ihres Weges zu beachtlichen Bergen auf. Dazwischen verblieben schmale Wege, die auf die Grundstücke führten.
    Der Herbst kam früh in diesem Jahr. Es war bereits dunkel. Immer wieder riss der auffrischende Wind die Wolkendecke auf, sodass die Trümmerberge in fahles Mondlicht getaucht wurden. Die Ruinen der Wohnhäuser schienen jeden Moment auf die Straße stürzen zu wollen, um alles unter sich zu begraben. Ein leises Heulen war zu vernehmen, wenn der Wind durch die verbliebenen Maueröffnungen blies.
    Sie beschleunigte den Schritt, um die ihr bedrohlich vorkommende Umgebung möglichst schnell hinter sich zu lassen. Ihr fröstelte und sie schlug ihren Mantelkragen höher.
    Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Was war das? Sie blieb stehen und spitzte die Ohren. Nichts – sie musste sich geirrt haben. Einige Meter weiter hörte sie es wieder.

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