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Nur Mut: Roman

Nur Mut: Roman

Titel: Nur Mut: Roman
Autoren: Silvia Bovenschen
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beschwichtigte sich: Das war doch kein Grund zur Beunruhigung. Aber warum hatte die Kokette (so nannte Janina Nadine bei sich) sich heute so besonders fein gemacht? Die war ja immer etwas affig angezogen, fand Janina, das ganze Gerüsche, aber na ja, jeder nach seinem Geschmack. Das ging sie schließlich alles gar nichts an. Und das mit der unguten Stimmung bildete sie sich sicher nur ein.
    Hauptsache, sie würde die Villa frühzeitig verlassen können.

Salon (währenddessen)
    Als die Tür aufschwang und Johanna auf ihre Gehhilfe gestützt in den Salon schlurfte, hätte Leonie gerne gesagt: »Dass du mal wieder hier auftauchst, das ist ja unerhört.«
    Aber das sagte sie nicht, sie sagte: »Schön, dich mal wieder hier zu sehen.«
    Johanna murmelte etwas in sich hinein, was »gleichfalls« heißen mochte, sank in einen mit grünem Seidenmoiré bezogenen Sessel (Nadine hätte von einer Bergère gesprochen) und steckte sich eine Zigarette an.
    »Wie geht es dir?«, fragte Leonie.
    »Frag nicht.«
    »Schreibst du noch an deinem Roman?«
    »Nein. Der ist seit drei Jahren fertig. Es fehlt nur der letzte Satz, und der wird ein Zitat sein.«
    »Und warum schließt du die Arbeit nicht ab?«
    »Solange ich ein großes Vorhaben nicht fertigstelle, kann ich nicht sterben.«
    »Du kannst doch gleich den nächsten Roman in Angriff nehmen.«
    »Der Teufel fährt in die Lücke.«
    (Leonie hatte keine Lust, sich zu überlegen, ob sie diese Äußerungen ernst nehmen musste.)
    »Es ist gut, wenn man so genau im Voraus schon weiß, was, wann und warum geschehen wird. Gratuliere.«
    (Darauf einzugehen war unter Johannas Würde. Aber sie bequemte sich zu einer höflichen Rückfrage.)
    »Und wie geht es dir ?«
    »Ich bin todmüde und hochgradig nervös zu gleicher Zeit«, sagte Leonie. »In meiner Jugend hätten sich diese Zustände nicht miteinander vertragen.«
    Johanna nickte, als sei auch ihr dieser paradoxe Zustand nicht fremd.
    Überrascht von Johannas Ausflug in die Höflichkeit und nur weil sie befürchtete, dass das Gespräch andernfalls sogleich wieder versiegen würde, schickte Leonie noch eine artige Frage nach – nicht ahnend, welchen Redesturm sie damit in Gang setzen würde.
    »Möchtest du noch einmal jung sein?«
    »Nein, keinesfalls.« Johanna sagte das sehr bestimmt.
    »Warum nicht?«
    »Viel zu anstrengend, dauernd diese Designprobleme.«
    »Designprobleme?«
    »Ja, Design. Die Jungen selbst würden von Style sprechen. Styling ist angesagt. Du musst dich ständig gestalten und umbauen und dabei kontrollieren, ob dein Selbstentwurf noch auf der Höhe aktueller Vorgaben ist. Du musst permanent darüber nachdenken, was du bist und wie du bist und wie du sein könntest, bis du im Zuge dessen gar nicht mehr dazu kommst, zu sein.«
    Johanna schnaubte verächtlich.
    »Und dann die harte Arbeit auf der Körperbaustelle.«
    »Was soll das heißen?«, fragte Leonie mäßig interessiert.
    »Auch du wirst dich an Mitschülerinnen und Mitstudentinnen erinnern, die eine etwas zu große Nase hatten oder einen etwas zu dicken Hintern, einen sehr großen oder sehr kleinen Busen. Ja, die Menschen fallen eben unterschiedlich aus, sagte man sich damals und sprach von den Launen der Natur. Hat sich ausgelaunt! Von wegen Natur, von wegen Schicksal. Körper ist machbar.
    Ein unendlicher Modulationsprozess. Da geht’s flugs immer mal wieder auf den OP-Tisch. Da darf man so zimperlich nicht sein, sonst schmiert man ab.
    Körperdesign, das ist: strampeln, straffen, polstern, schnei-den, absaugen – aber das ist auch schon von gestern. Der Mensch ist unendlich optimierbar. Schon laufen die Beinamputierten auf ihren Hightechprothesen schneller als die meisten der Naturprodukte. In den Laboratorien der Selbstkreation strebt das Humanum einer totalen Neuschöpfung zu. Jetzt geht es an die Optimierung der Hirne per Chip.«
    Sie lachte.
    »›Der Mensch‹: Made on Earth. Copyright: der Mensch.«
    Leonie lachte nicht. Sie hatte Kopfschmerzen. »Du liebe Güte«, sagte sie abwehrend, »wo soll das noch hin?« Aber im Grunde war ihr das ziemlich gleichgültig.
    Johanna war, nachdem sie drei Jahre jenseits ihrer Ruferei kaum einen Laut von sich gegeben hatte, nicht mehr zu bremsen. Ein Rederausch.
    »Auch die Sexualität unterliegt heute einer harten Selbstkontrolle. Du wirst dich schwach erinnern: Wir haben das noch so gemacht, wie wir es konnten – der eine besser, der andere schlechter –, wie wir dachten, dass es gehen müsste und gut wäre.
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