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Neongrüne Angst (German Edition)

Neongrüne Angst (German Edition)

Titel: Neongrüne Angst (German Edition)
Autoren: Klaus-Peter Wolf
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1
    Wenn es ganz dunkel oder ganz still war, konnte Johanna Fischer nicht schlafen. Sie brauchte irgendwo ein kleines Licht, und sie musste hören, dass sie nicht allein auf der Welt war, deshalb stand neben ihr auf dem Nachtschränkchen ein altes Radio. Die leuchtend grünen und roten Pünktchen beruhigten sie. Gern ließ sie sich von den männlichen Moderatoren, die abwechselnd durch das Nachtprogramm führten, in den Schlaf quatschen.
    Sie schaltete das Radio praktisch nie aus. Sie stellte es nur morgens lauter, um wach zu werden, und abends leiser, um niemanden zu stören.
    Es war kurz vor Mitternacht, als das Telefon sie weckte.
    Johanna sprang aus dem Bett und war, noch bevor es zum zweiten Mal klingeln konnte, am Apparat.
    Die Stimme ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen, denn sie klang merkwürdig vertraut und doch fremd. Ihr fiel kein bekanntes Gesicht zu der Stimme ein, aber ähnlich wie bei den Radiosprechern stellte Johanna sich jemanden vor.
    Er stand in einer Telefonzelle und hielt ein Papiertaschentuch in der Hand, das nah am Hörer raschelte. Er war jung und flüsterte geheimnisvoll:
    »Hallo, Johanna. Haben dir die Rosen gefallen?«
    Wollte Leon sich einen Scherz mit ihr machen? Klar, das war ein Scherz, was sonst?
    »Ja, ich hab heute einen wundervollen Strauß Rosen vor der Tür gefunden. Womit hab ich den verdient? Und warum anonym? Wer bist du?«
    Er atmete schwer, und es raschelte wieder.
    »Ein Verehrer. Die Rose ist das Symbol für Liebe und Zuneigung. Aber auch für Schmerz. Das weißt du doch, Johanna … oder?«
    Sie war inzwischen mit dem Telefon zurück im Bett, saß aufrecht da und kuschelte das Kissen gegen ihren Bauch wie eine kleine Katze, die gekrault werden will.
    Jetzt glaubte sie zu wissen, wer sich den Scherz mit ihr erlaubte: Tobias Zenk! Natürlich! Der hatte sich an drei Schauspielschulen beworben und wollte nach Hollywood. Er paukte Englisch, täglich zwei Stunden, weil er davon überzeugt war, dass nur in dieser Sprache große Filme gedreht wurden.
    Er konnte Stimmen imitieren. Mühelos machte er Peter Maffay nach, Udo Lindenberg oder Benjamin Blümchen. Die Synchronstimmen von amerikanischen Stars waren seine Spezialität. Eddie Murphy, Robert de Niro, Al Pacino konnte er zum Verwechseln ähnlich kopieren.
    »Tobi! Mensch, du hast mich gerade echt verunsichert. Übst du eine Szene für einen Film?«
    »Willst du mich beleidigen? Ich bin nicht Tobi, dieser Idiot. Stehst du etwa auf solche Schönlinge?«
    Johanna drehte das Radio ganz leise, um besser hören zu können, was er sagte. Es musste doch möglich sein, die Stimme zu identifizieren. War es doch Leon?
    »Darf ich dich um einen kleinen Gefallen bitten, Johanna?«
    »Einen Gefallen?«
    »Ja. Komm zur Havenbrücke.«
    Sie drückte das Kissen an sich. »Zur Havenbrücke? Jetzt? Weißt du, wie spät es ist?«
    Da war ein lautes Brummen, wie von einem vorbeifahrenden Lkw.
    »Ich möchte dich in diesem Licht sehen. Tu’s für mich, deinen Verehrer. Es ist doch nicht weit. Du kannst in ein paar Minuten hier sein.«
    Sie stellte sich vor, dass Leon sie auf die Probe stellen wollte. Würde sie sich mit einem heimlichen Verehrer, der ihr Rosen geschenkt hatte, treffen? War sie neugierig genug, um dorthin zu kommen?
    Sie schloss die Augen und sah die lange, leuchtende Glasröhre vor sich, die, in grüngelbes Licht getaucht, das Klimahaus und das Mediterraneo mit dem Columbus-Center verband.
    Das alles schien auf einer blau phosphoreszierenden Säule zu stehen, wie von Hundertwasser im Rausch entworfen. Ein schöner Ort, um auf den alten Hafen zu gucken. Ein romantisches Plätzchen für knutschende Pärchen. Dort hatte Leon ihr ewige Treue geschworen und sie ihm.
    Nein, sie würde ganz bestimmt nicht dorthin gehen, um irgendeinen Mann zu treffen, der seine Stimme verstellte.
    »Ich liege schon im Bett«, sagte sie und dann, in der Hoffnung, Leon könnte es hören: »Außerdem treffe ich mich nachts nicht mit fremden Männern.«
    Die Stimme wurde jetzt sehr eindringlich. »Bitte, Johanna. Dies ist eine ganz besondere Nacht. Alle Geschäfte haben auf. Die Menschen amüsieren sich. Hier herrscht eine geradezu südländische Leichtigkeit. Im Mediterraneo spielt eine Band … Du willst mich jetzt doch hier nicht so einfach stehenlassen … Ich kann nicht glauben, dass du so unhöflich bist!«
    Es hörte sich fast so an, als ob eine Drohung in seinen Worten mitschwingen würde.
    Sie nahm das nicht ernst, sagte sich, das

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