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Neongrüne Angst (German Edition)

Neongrüne Angst (German Edition)

Titel: Neongrüne Angst (German Edition)
Autoren: Klaus-Peter Wolf
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entdeckt hatte, zwinkerte ihm sein Chefredakteur komplizenhaft zu.
    Oh ja, wie stolz seine Mutter auf ihn gewesen wäre!
    Jetzt saß Leon im Auto und fuhr über die A 27 in Richtung Bremerhaven. Er wollte Johanna treffen. Doch da spielte sein Handy plötzlich »Born to be wild«. Die Scheibe, bei der es seine Mutter immer hochgerissen hatte und sie auf die Tanzfläche musste.
    Johanna war dran. Sie klang ganz merkwürdig. Sie stammelte herum, und er brauchte eine Weile, bis er kapierte, dass sie das Treffen heute absagen wollte. Er hörte im Hintergrund Geräusche, Musik und Karusselllärm.
    Sie behauptete, nicht raus zu dürfen, weil ihre Mutter »voll am Rad drehen« würde.
    Nein, er könne auch nicht zu ihr kommen, es sei heute alles total blöd, und er müsse das eben jetzt akzeptieren.
    Sie klang anders als sonst. Merkwürdig getrieben, ja fast verängstigt. Leon deutete es so, dass sie fürchtete, er könne ihre Lüge durchschauen, denn ganz offensichtlich hatte sie keinen Stubenarrest, sondern befand sich auf einem Jahrmarkt mit Karussells, Bierständen, lauten Losverkäufern und Musik.
    Ihm war, als würde ihm intravenös flüssige Glut gespritzt, die jetzt durch seine Adern schoss und seine Haut unter der Kleidung krebsrot werden ließ – wie bei einem plötzlichen allergischen Schock.
    Sie hatte einen anderen. Ganz klar!
    Kein Wunder, dachte Leon, ich bin einfach nicht oft genug da. Ich komme ein-, höchstens zweimal pro Woche, und die Typen am Edith-Stein-Gymnasium haben den ganzen Tag Zeit, sie zu beflirten.

3
    Mist, dachte Johanna, er hat garantiert etwas bemerkt. Er ist sensibel. Er kriegt Stimmungsschwankungen mit. Bestimmt hat er den Lärm um mich herum gehört.
    Am liebsten hätte sie ihn einfach zurückgerufen und ihm die ganze Wahrheit erzählt, aber sie hatte Angst vor seiner Reaktion. Junge Männer konnten so unberechenbar sein und Leon im Besonderen.
    Vielleicht würde er versuchen, sie davon abzuhalten, würde ihren Verehrer suchen, um ihn zu verhauen. Vielleicht würde dann wieder ein Unglück geschehen …
    Sie stellte sich vor, der Telefonflüsterer könnte einen Wagen der Achterbahn entgleisen lassen oder ein Feuer in der Geisterbahn legen.
    Ach, es war so viel möglich, und sie traute ihm alles zu. So ein Freimarkt bot tausend Möglichkeiten, Menschen Leid und Schmerzen zuzufügen. Er schien auf der Suche nach seinen Opfern nicht sehr wählerisch zu sein.
    Sie verspürte einerseits den irren Zwang in sich, zu tun, was er von ihr verlangte, um ja nicht schuld zu sein am Tod von irgendwelchen Menschen, andererseits wurde ihr schon schlecht, wenn sie die Achterbahn auch nur sah. Sie hatte einen Looping. Das Kreischen der Menschen in der Kurve kam ihr vor wie die Ankündigung einer Katastrophe.
    Sie versuchte, in die Gesichter der Leute zu gucken, wenn sie scheinbar in den freien Fall übergingen und nach unten sausten. Aber sie hielt es nicht aus.
    Sie schloss die Augen, weil ihr schwindlig wurde. Der ganze Platz um sie herum trudelte. Es fiel ihr schwer, Einzelheiten aus dem Farballerlei herauszufiltern. Die Gesichter der Menschen wurden immer länger.
    Sie schüttelte sich. Reiß dich zusammen, Johanna, dachte sie. Er muss hier irgendwo sein. Er beobachtet dich garantiert. Er hat gesagt, du müsstest schon die erste Fahrt mitmachen, und du hast sie versäumt. Aber das wird ja nicht so schlimm sein. Hauptsache, du schaffst es überhaupt.
    Johanna lehnte sich schwer atmend an einen Würstchenstand. Sie begann zu schwitzen und hätte am liebsten ihr Sweatshirt ausgezogen.
    Sie sah den Losverkäufern zu, die ihre Lose aus einem großen Eimer verkauften. Einer war als Grizzlybär verkleidet und ein anderer als Mickymaus. Damit kamen sie bei den Kindern besonders gut an. Viele Väter schossen Fotos von ihrem Töchterchen in den Armen des Grizzlys, und auch Mickymaus wurde gern abgelichtet.
    Du wirst ihn erkennen, sagte sie sich. Zeig dich. Zwing dich hinzugucken. Vielleicht kannst du mit ihm reden … Du musst ihn nur erst identifizieren, dann kannst du ihn auch davon überzeugen, mit dem Wahnsinn aufzuhören.
    Jemand berührte sie und schüttelte ihren rechten Arm.
    »Äi, was ist, Josy? Bist du besoffen? Ist dir schlecht?«
    Sie riss die Augen auf und blickte in das aufgedunsene Gesicht von Volker Krüger. Er hatte, seitdem er die Schule verlassen musste, gut zehn Kilo zugelegt. Sie wusste nicht genau, worum es damals gegangen war, angeblich irgendetwas mit Drogen. Er hatte sie an Schüler

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