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Lanze und Rose

Lanze und Rose

Titel: Lanze und Rose
Autoren: Sonia Marmen
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hatte. Ranald, der nur neunzehn Monate jünger war als er, pflegte ihm wie ein Schatten zu folgen. Damals war Duncan siebzehn gewesen, und die beiden hatten sich in die Brennerei geschlichen, um sich heimlich etwas von dem »Feuerwasser« abzuzapfen; dem berühmten Whisky, den ihr Vater und Simon Macdonald viermal destillierten und eifersüchtig hüteten. Ihre Mutter hatte ihnen streng verboten, davon zu kosten. »Ihr werdet bald genug sehen, was dieses Gift aus einem Mann machen kann, meine lieben Söhne!« Wenn Caitlin Macdonald etwas angeordnet hatte, dann war es nutzlos, mit ihr zu debattieren. Sogar ihrem Vater gelang es selten, bei ihr das letzte Wort zu behalten. Daher hatten die Brüder beschlossen, sich diskret eine Flasche aus dem Eichenfass abzufüllen, das sorgfältig verborgen in einem entfernten Winkel der Destillerie stand. Ihr Vater hatte das nicht gekennzeichnete Fass zwischen dem gewöhnlichen Whisky abgestellt, um Neugierige zu täuschen. Doch da kannte er Duncan schlecht. Er hatte gesehen, wie sein Vater das Holz mit einer Kerbe markiert hatte, und wusste, wo das fragliche Fass stand.
    Doch das Unternehmen war schlecht ausgegangen. Die Brüder waren ertappt worden, und als sie sich verstecken wollten, war Duncan gegen einen Holzkeil gestoßen, der die an der Wand aufgestapelten leeren Fässer hielt. Das Ergebnis war dramatisch gewesen. Mit einem höllischen Radau waren die leeren Fässer heruntergepoltert. Ranald, der keine Zeit mehr gehabt hatte, ihren Schlupfwinkel zu verlassen, hatte in der Falle gesessen und die ganze Wucht des Aufpralls abbekommen. Dabei war sein zerbrechliches jugendliches Knochengerüst schwer angeschlagen worden.

    Duncan hörte noch die Schreie seines Bruders, als man ihn unter dem Berg von Eichenholzfässern hervorgezogen hatte. Er schloss die Augen. Ranald hatte mehrere Rippenbrüche und einen Beckenbruch davongetragen. Sie hatten um sein Leben gefürchtet, denn es wäre durchaus möglich gewesen, dass die Spitzen der gebrochenen Rippen in seiner Brust großen Schaden anrichteten. Mehrere Tage lang hatte er gefiebert. Um sein Leiden zu lindern, hatte man ihm Laudanum einflößen müssen und Feuerwasser, als sie keine Medizin mehr hatten, was Duncan wie eine besondere Verhöhnung ihres Unfugs erschienen war.
    Ranald war zäh; er hatte die Folgen des Unfalls überstanden. Doch sein Körper hatte Nachwirkungen zurückbehalten wie diese Rückenschmerzen, die ihn seither nie mehr verließen. Jetzt trug er ständig eine Flasche von dem starken Branntwein bei sich, um den Schmerz zu betäuben, wenn er unerträglich wurde. Trotzdem klagte er nie und trug immer ein Lächeln zur Schau.
    Er hatte darauf bestanden, an diesem Überfall auf die Ländereien von Glenlyon, den Alasdair ins Werk gesetzt hatte, teilzunehmen. Mit seinen siebzehn Jahren fand er, dass es höchste Zeit für ihn war, sich als Mann zu beweisen. Duncan hatte es nicht fertiggebracht, ihm den Wunsch abzuschlagen, obwohl er wusste, dass ihre Mutter ihm schwere Vorwürfe machen würde, wenn sie davon erfuhr. Aber sie konnte ihn schließlich nicht sein ganzes Leben lang behüten, Herrgott!
    »Niemand zu sehen«, murrte Ranald ungeduldig und riss ihn aus seinen schmerzlichen Erinnerungen. »Warum greifen wir nicht jetzt an? Wir können schließlich nicht die ganze Nacht darauf warten, dass sich die Campbells blicken lassen! Wenn ich mich nicht bald ein wenig bewege, friere ich mir noch meine edelsten Teile ab! Heute Abend ist es wirklich scheußlich kalt.«
    Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen drehte Duncan sich zu seinem Bruder um.
    »Du kannst ja Jenny bitten, sie dir anzuwärmen, Brüderlein. Ich bin mir sicher, sie wird dir den Gefallen gern tun!«
    »Schweig still, Duncan! So ein Mädchen ist Jenny nicht.«
    »Sie würde dir aus der Hand fressen, armer Dummkopf! Ich
frage mich wirklich, warum du sie noch nicht zu einem Spaziergang auf die Heide mitgenommen hast. Ein Windstoß hebt ihre Röcke hoch, und du brauchst nur noch den Rest zu tun … Du wirst sehen, was für ein angenehmes Gefühl das ist. Irgendwann musst du es schließlich hinter dich bringen, Ran. Gehört alles zu dem schweren Los, welches das Leben dem Manne aufbürdet.«
    Ranald rutschte verlegen herum, und seine Wangen liefen purpurrot an. Erneut richtete er zerstreut den Blick auf die vereinzelten Hütten, die unterhalb des Felsvorsprungs, auf den sie sich zurückgezogen hatten, lagen.
    »Ist es das, was du mit Elspeth
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